Uns geht es gut  - und keiner merkt es: am Beispiel einer Landeshauptstadt

 

 

 

SOWI Wirtschaftuniversität Innsbruck - (c) Alfred Rhomberg

 

Dieser Beitrag befasst sich mit der Entwicklung der Stadt Innsbruck während der letzten 50 Jahre. Anstelle von Innsbruck könnte jede andere größere Stadt Österreichs stehen.

 

Es wäre wenig aussagekräftig, das Jahr 1946 (als Innsbruck meine Heimat wurde) zum Ausgangspunkt zu machen, obwohl es genügend Erinnerungsmomente gibt – wenig aussagekräftig deswegen, weil es allen Städten nach dem Krieg schlecht ging. Ich beginne bewusst mit dem Jahr 1965, als ich Innsbruck verließ und vergleiche die Stadt mit der Zeit um 1996 (meiner Rückkehr aus Deutschland) bis heute und schließe den Beitrag mit den daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen.

 

Innsbruck hatte um 1965 ca. 105000 Einwohner, ein Provinztheater mit einem Provinzorchester, außer dem Ferdinandeum, dem Volkskundemuseum und dem Zeughaus keine erwähnenswerten Museen - vor allem gab es kein Museum für zeitgenössische Kunst. Es gab 2 -3  Galerien, keine nennenswerten Bühnen für Kleinkunst, kaum irgend ein kulturelles Angebot und keinen international vergleichbaren Kongresssaal. Die Stadt hatte ein einziges „Kaufhaus“, eine absolut unbefriedigende Infrastruktur (5 Straßenbahn- und 5 Omnibuslinien im 20 Minuten- bis Stundentakt), einen Kleinstflughafen – sonst fiele mir nichts besonderes ein – doch: Autos waren eine Rarität.

 

Die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck hatte ca. 5500 Studenten (allerdings schon damals international zusammengesetzt), ein Hauptgebäude in dem alle geisteswissenschaftlichen Fächer und die Juridische Fakultät einschließlich Wirtschaftwissenschaften untergebracht waren, ein veraltetes chemisches Institut, ein paar veraltete Refugien für Physik und Hygiene und eine berühmte alte Theologische Universität, in der auch andere Fächer wie z.B. die Mineralogie ihr Domizil hatten. Es gab eine veraltete Universitätsklinik, jedoch keine Technische Universität und es gab ein Konservatorium (aber wenig Musikschulen) und vier Mittelschulen. An allen Universitätsinstituten unterrichteten fast ausschließlich österreichische Lehrkräfte und Professoren, weil die in Österreich gebotenen Gehälter so niedrig waren, dass man keine ausländischen Lehrkräfte berufen konnte (ich spreche nicht von 1946, sondern von 1965 und vielen Jahren danach!)

 

Anm.: Im Gegensatz zu heute, gab es in Kleinstädten außerhalb Innsbruck kaum Kulturveranstaltungen, nur zwei öffentliche Gymnasien (Landeck und Kufstein), allerdings einige gute Gymnasien in Klöstern.

 

Mein Gehalt als promovierter Assistent mit Lehrauftrag betrug zuletzt 5400 Schilling, für eine alte 2-Zimmerwohnung (Bad außerhalb der Wohnung) hätte ich 2300 Schilling bezahlen müssen – frisch verheiratet blieb mir nur die Wahl, ins Ausland zu gehen.

 

Was hat sich geändert?

 

Innsbruck hat auch heute nur 125000 Einwohner, davon viele aus Eingemeindungen, Tirol hatte 1965 ca. 550000 Einwohner, heute ca. 710000 (Stand 2010)

Die Stadt hat 5 große Einkaufscenter (alle Marken großer deutscher und heimischer Kaufhäuser sind vertreten), eine moderne riesige Universität, eine ebenfalls moderne und auch architektonisch interessante Universität für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (SOWI), eine international bekannte medizinische Universität und entsprechend moderne Universitätskliniken, eine Technische Hochschule (alle Unis zusammen haben ca. 32000 eingeschriebene Studierende), hervorragende berufsfördernde höhere Schulen (BHS). Es gibt ein Management Center Innsbruck (MCI), einen Industriepark am Rande von Innsbruck, zwei große Kunstgalerien für zeitgenössische Kunst, unzählige Kunstgalerien, ein international wettbewerbsfähiges Theater, ein hervorragendes Orchester, Festwochen für Alte Musik mit internationalem Rang, neben dem Konservatorium eine große städtische Musikschule und eine Zweigstelle des Mozarteums Salzburg, viele junge Kammermusikensembles, den „Tanzsommer“ im neuen Congress Innsbruck, viele Kleinkunstbühnen, eine ausgezeichnete Verkehrsinfrastruktur und, und, und….man könnte jeden Abend zwischen sehr vielen Veranstaltungen wählen – sofern man einen Parkplatz findet, denn die Stadt quillt mit Autos über und hat jedes vernünftige Maß überschritten.

 

Anm.: Nicht nur Innsbruck hat sich so gewandelt, jedes größere Dorf/Städtchen hat Einkaufstempel und inzwischen bekannte kulturelle Einrichtungen, wie z.B. Sprachsalz (Hall), das Festspielhaus in Erl, die Schwazer Klangspuren für zeitgenössische Musik, interessante Theatervorstellungen in Rattenberg, Telfs etc.

 

Wo kommt das alles her?

 

In erster Linie aus einer starken und exportfähigen Tiroler Wirtschaft, die mit Ausnahme von Swarovski und Plansee Reutte als Großunternehmen, fast nur aus kleinen und mittleren Unternehmen (KMU’s) und einem gut gemanagten und leistungsfähigen Tourismus besteht.

Durch meine mehrmaligen jährlichen Besuche in Innsbruck konnte ich feststellen, dass dieser Aufschwung erst seit ca. 1980 spürbar begann. Damals gab es bereits ein kleines Einkaufszentrum „DEZ“ am Rande der Stadt, das neuerbaute Zentrum innerhalb der Stadt, der „Sillpark“, schien noch nicht rentabel zu sein. Die Festwochen der Alten Musik hatten bereits „Insiderruf“ und das Tiroler Landestheater war nicht schlecht.

 

Ab etwa 1996 (seit meiner Rückkehr nach Innsbruck), also 1 Jahr nach dem Beitritt Österreichs in die EU begann Innsbruck wirklich zu pulsieren. Man kann nicht behaupten, dass Tirol nicht schon vorher starke Wachstumsimpulse hatte, Österreich gehörte zur EFTA(European Free Trade Association) und hatte starke wirtschaftliche Beziehungen zu fast allen EU-Ländern (hauptsächlich zu Deutschland). Die EFTA besteht seit 1995 nur noch aus den Ländern Island, Liechtenstein, Schweiz und Norwegen, vorher waren auch Länder wie Dänemark, Portugal, Finnland und UK EFTA-Mitglieder, die die EFTA zu Gunsten der EU-Mitgliedschaft aufgaben. Im einem früheren Beitrag (Uns ist etwas abhanden gekommen: Realitätssinn) wurde bereits auf die wahrscheinlichen Folgen im Falle eines Nichteintritts in die EU und die unterschiedliche Bewertung Österreichs im Vergleich zur Schweiz hingewiesen, so dass diese Argumente hier nicht wiederholt zu werden brauchen.

 

Tatsache ist: 125000 Einwohner (nur ca. 20 Prozent mehr als 1965) füllen die Kassen der zahlreichen Einkaufzenter und Gastlokale, können sich kulturelle Angebote leisten, es gibt relativ geringe Arbeitslosigkeit, unsere Universitäten und Hochschulen können sich ausländische Lehrkräfte leisten, im Tourismusgewerbe und in Handelsketten werden heute ausländische Arbeitskräfte gebraucht (sogar immer mehr deutsche Mitarbeiter zieht es nach Innsbruck), das Innsbrucker Stadtorchester ist ein internationales Ensemble einheimischer und ausländischer Künstler, Eigentumswohnungen und Häuser wurden und werden gebaut und die Gartencenter boomen. Mittlere und Kleinbetriebe können sich im EU-Raum behaupten und ständig wächst die Zahl der KMU’s.

 

Wollen wir das alles aufs Spiel setzen, nur weil viele unzufrieden sind, die es eigentlich nicht sein dürften und die noch unzufriedener wären, wenn es uns schlechter ginge?

 

Die EU ist ein „Prozess“, der wie alle Prozesse solcher Größenordnung Höhen und Tiefen erlebt – die EU ist letztlich ein erfolgreicher Prozess, ohne den wir gegenüber der übrigen Welt keine Chancen hätten.

 

(2010)

 

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