Rassismus auf der Alm

 
Rassismus auf der Alm - © Alfred Rhomberg

 

Die Kühe lagen friedlich auf einer Tiroler Almwiese und sprachen über dies und das, wobei einige das ‚dies’ und andere mehr das ‚das’ interessierte.

 

Sie hätten stundenlang friedlich weiter diskutieren können, wenn der Bauer nicht plötzlich eine neue Kuh auf die Weide getrieben hätte, die sich schon rein äußerlich von einheimischen Kühen unterschied: sie hatte weiße Flecken auf ihrem schwarzen Fell, statt auf einem hierzulande üblichen braunen Fell und es war zu befürchten, dass weitere solcher Kühe folgen würden, also mussten Gegenmaßnahmen beschlossen werden.

 

Da kein Stier vorhanden war, den man zum Obmann als Interessenvertreter wählen konnte, wurde eine Obkuh gewählt und damit beauftragt, mögliche Gegenmaßnahmen zu koordinieren und diese dem Bauern vorzutragen. Vielleicht war es sogar ganz gut, dass es keinen Stier gab – der hätte vielleicht sogar die neue Außenseiterin vorgezogen – Stiere lieben oft das Aparte!

 

Mit den Gegenmaßnahmen war es jedoch nicht ganz so einfach, wie das mit menschlichen Außenseitern der Gesellschaft, z.B. Asylanten zu sein scheint – es gibt bei Kühen keine zuständigen Ministerien, welche derartige Probleme sozusagen im „Handumdrehen“ lösen können – wenn auch nur verbal. Viele Möglichkeiten hatten die Kühe nicht, so würden z.B. Streiks hinsichtlich der Milchproduktion in jeder Hinsicht kontraproduktiv sein: 1). sie würden sich selbst schaden, weil sie gemolken werden müssen um keine Schmerzen zu erleiden und auch sonstige Aufsässigkeiten wären nicht besonders klug, denn: 2). würde der Bauer dann vielleicht sogar weitere schwarzgefleckte Kühe anschaffen, weil diese mehr Milch(?) geben, dem Bauern weniger Scherereien machten und billiger in der Anschaffung sind, was quasi einer Arbeitsplatzvernichtung heimischer Kühe gleich käme.

 

Da war guter Rat teuer. Vorläufig grenzten sich die heimischen Kühe von der ‚Eindringlingin’  ab, was deswegen nicht besonders schwierig war, weil sich die neue Kuh von selbst durch ihr Verhalten abgrenzte indem sie den anderen Kühen auswich, oder sich so auf die Weide legte, dass sie die feindlichen Blicke der anderen nicht sehen musste.

 

Das Problem schien einer Lösung nahe, als die Kühe das gewohnte Geräusch eines Traktors hörten und der Bauer nahte. Dieser stieg aus, die Obkuh lief gleich auf ihn zu und zeigte mit dem Kopf auf den fremden Eindringling und scharrte energisch mit den Hufen. Der Bauer erfasste die Situation sofort, runzelte die Stirn und meinte wütend:

 

„Blöde Viecher, erstens seid ihr selbst keine einheimischen Kühe, schaut euch doch an - seit wann sind braun gescheckte Kühe einheimisch? Wirklich einheimisch sind nur das Montafoner Braunvieh, das zwar ursprünglich aus der Schweiz stammte, dann im Voralberger Montafon und seit mehr als 100 Jahren in Tirol heimisch wurde und sich bestens bewährt hat – und zweitens sind die Tiroler Almwiesen wirklich groß genug, um noch vielen Fremdkühen ein paar Grashalme zu gönnen. Und wenn es hier keine Ruhe gibt, landet ihr alle morgen beim Schlachter und ich ersetze euch durch Montafoner Braunvieh oder kleine handliche Ziegen!“

 

Das waren nun wirklich deutliche Worte und es ist nicht überliefert, ob es jetzt friedlicher auf der Tiroler Almwiese wurde – eines ist jedenfalls sicher:

 

Derart einfache Lösungen lassen sich im Falle von Fremdenfeindlichkeit bei Menschen nicht anwenden. Es ist eben nicht möglich, dass man eine ganze Bevölkerungsgruppe so einfach eliminiert und durch neue tolerantere Bürgerinnen und Bürger eintauscht und so bleibt hier alles beim Alten: „Zugeroaste“ Fremde sind immer willkommen, wenn sie Geld haben, arme Flüchtlinge bleiben Außenseiter – man kann sie soziologisch integrieren, weiter kann man nicht gehen. Das wäre, wie wenn die Kühe ihre neue Artgenossin mit Farbe umgefärbt hätten - mit anderen Worten: Augenauswischerei, nach der sich alle zur Ruhe setzen und stolz auf ihre Toleranz sind. 

 

(24.5.2015)

 

 

 

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