Die Heimatentsorgung

 

 

Die Heimatentsorgung - (c) Alfred Rhomberg

 

Wir leben in einem Entsorgungszeitalter – da ist es kein Wunder, wenn auch noch bestehende Restheimatinseln in den Sperrmüll verbannt werden. Die Touristen wollen das so – sie wollen im Urlaub jenes Bild einer Heimat vorfinden, das ihnen durch Reisebüros, Bergdoktorfilme und von Hansi Hinterseer vermittelt wird. Nicht zu vergessen die „Kastelruther Spatzen“ und  die vielen neuen Tiroler, Kärntner, Steirer und sonstigen „Buam“, welche mögliche Heimatentsorgungsdefizite ausfüllen. Das erforderliche neue Liedgut vermehrt sich mit kommerzieller Zielstrebigkeit und verfestigt die Upgrade-Version eines neuen Heimatbegriffs.

 

Der Wandel dörflicher Heimaten

 

Der erste Entsorgungsprozess fand ab ca. 1960 nicht im sichtbaren dörflichen Bereich, sondern in den Stuben und Küchen der Bauernhäuser statt. Die altmodischen geschnitzten Wandtäfelungen, Bauernschränke und Truhen wurden durch Teakholz- oder Nierentischmobilar ersetzt. Die Bauernschränke wanderten zwar nicht in den Sperrmüll, sondern zu den Trödlern und Antiquitätengeschäften, wo sie damals billig zu erstehen waren und heute unerschwinglich sind. Somit wird klar, dass Heimat erst als Antiquität wieder etwas wert ist.

 

Heimelige Bauernhäuser oder Gasthöfe werden zu Bettenburgen im Alpenlook aufgeblasen (anders lässt es sich nicht ausdrücken, denn der Bauernhauslook wurde beibehalten – nur stimmen halt die Proportionen nicht mehr), die Kuhställe wurden zu Wellnessanlagen umfunktioniert und die „Stubn“ zu Kantine-artigen Hallen vergrößert in denen das Mittagsmenu von kroatisch sprechenden Kellnerinnen in modischen Kunstdirndln serviert wird. Die Gemeinden und deren wirtschaftsbewusste Bürgermeister werden mit Unterstützung der Tourismusverbände dazu animiert, möglichst viele Menschen mit „Heimat“ zu versorgen, wozu auch „uraltes“, längst vergessenes Brauchtum plötzlich wieder ausgegraben und zu Gebrauchstum umfunktioniert wird. Dorf-Events, die früher hauptsächlich durch den Kirchtag bestimmt waren, werden heute an die internationale Eventkultur angepasst – da dürfen ohrenbetäubende Rockbands natürlich nicht fehlen, sozusagen – „Rock im Kuhstall“ und selbstverständlich gibt es auch „Heimatabende“, die in absehbarer Zeit auch von den Dorfbewohnern besucht werden müssten, weil sie allmählich vergessen, wie es früher war. Dafür kennen sie jetzt Halloween, ohne zu wissen, woher der "Brauch" kommt.

 

Die Restheimatentsorgung

 

Berge und Wälder lassen sich nicht so leicht entsorgen, daher wird aus der Not eine Tugend gemacht, um sich dieser Restheimatbestände nicht schämen zu müssen. Wanderlehrpfade werden angelegt und so beschildert, damit jedE/r weiß, dass es in Wäldern außer Bäumen auch Rotwild gibt. Bergschutzhütten, früher zum Schutz von in Not geratenen Bergwanderern gedacht, dienen heute mittels Lautsprecheranlagen zum Schutz davor, dass TouristInnen auch in den Bergen nicht auf volkstümliche Musik verzichten müssen.

 

Wie findet der Heimat-Entsorgungsprozess in Städten statt?

 

Zuvor die Frage – konnten bzw. können Städte überhaupt ein Heimatgefühl auslösen? Früher ja – das alte Wien hatte Heimatbezirke, ebenso wie andere Großstädte. Heute sehen alle Städte fast gleich aus – Regierungsviertel – Museumsviertel, Einkaufsmeilen – Bankenviertel (das meiste im Glas-Beton-Look) und an den Rand gedrängt die architektonisch mageren Wohnsilos. Die Unterschiede zwischen einzelnen Großstädten werden – wiederum von der Stadtgemeinde und der Tourismusindustrie – durch die künstlich wiederbelebte Vergangenheit rekonstruiert (was wäre Wien ohne Fiaker oder „Edelheurigen“). Die Entsorgung ist in Großstädten besonders einfach: veraltete Glasarchitektur wird durch zeitgemäße, architektonisch gewaltsamere Glasarchitektur ersetzt, grüne Randbezirke werden durch neue Wohnsilos „verdichtet“, ein Vorgang der sich auch in Landgemeinden bewährt hat(1).

 

Resumée: Im Grunde wird „Heimat“ nicht wie in der Titelüberschrift angedeutet „entsorgt“, sondern wir werden mit „Neuer Heimat“ im Überfluss versorgt. Die Frage ist nur, ob diese Überversorgung mit Heimat jemals eine Art Heimatgefühl zulassen wird. Es ist eher zu befürchten, dass die Heimatentsorgung ein irreversibler Prozess ist.

 

Zum Schluss eine Strophe aus einem Gedicht von Friedrich Nietzsche:

 

     Die Krähen schrei’n

     Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

     Bald wird es schnei’n –

     Weh dem, der keine Heimat hat!

 

(echte, heimatverbundene Krähen würden sich wohl auch in einer modernen Stadt ziemlich heimatlos fühlen)

 

 


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(22.09.2011)

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