Das kleine Land Ostarrichi zwischen Phäakentum und Utopia - ein Update

 

 

Das Ostarrichi Patent 996 - (c) Alfred Rhomberg, aus Material für das kein copyright besteht - 996 war das Patent jedenfalls noch nicht so beschädigt

 

 

Der folgende Text wurde als Erstfassung 2008 geschrieben - eigentlich hat sich seither substanziell nichts verändert und trotzdem ist alles anders - oder vielleicht doch nicht?

 

Es war einmal ein kleines Land namens Ostarrichi. Das Land wurde von zwei Königen und einem, der gerne König werden wollte, beherrscht. Daneben gab es neun Herzöge, die aber nur in ihrem eigenen kleinen Bereich mehr oder weniger recht und schlecht regieren konnten. Eigentlich bildeten sich die Könige nur ein, ihr Land zu beherrschen, denn das Volk ist undankbar und lässt sich nur von solchen KönigInnen beherrschen, die ihnen Vorteile versprechen und daher versprach jeder von ihnen alles, auch wenn sie es nicht besaßen. Wer besitzt schon alles und selbst wenn sie sich zusammen getan und ihre Ersparnisse vereint hätten, wäre nicht so viel zusammen gekommen, um das Volk zu beschenken – schon deswegen nicht, weil sie über keinerlei Ersparnisse verfügten – im Gegenteil – frühere Mitregenten hatten ihnen einen riesigen Schuldenberg hinterlassen. Alles was sie besaßen, hatten sie dem Volk vorher weggenommen und verbraucht, aber Völker sind bekanntlich schon froh, wenn sie wenigstens einen kleinen Teil dessen, was ihnen weggenommen wurde, wieder zurück erhalten und seien es nur 50 Dukaten, um ihren Pferden etwas Hafer und sich selbst gelegentlich einen Trank von der Kräuterfrau kaufen zu können. Auch hätte das Volk es begrüßt, wenn Kerzen, Holz und Butter nicht ständig teurer geworden wären – aber in dieser Hinsicht war von keinem der Könige etwas zu erwarten, denn weder wussten sie, ob sie sich im nächsten Vierteljahr noch König nennen durften, noch mit welchen der anderen Könige sie Freundschaft (oder Feindschaft) schließen sollten – denn ganz allein ließe sich das Ostarrichi-Volk wohl kaum von einem der Könige regieren. Beim Kampf gegen die anderen Könige war man nicht ritterlich und bediente sich sogar der jeweiligen Hofpresse bzw. Kronenzeitungen oder anderer Volkszeitungen des Landes.

 

Es gab aber nicht nur Könige in Ostarrichi, es gab (zu) kleine KönigsmörderInnen, RatgeberInnen – und nicht zuletzt das lästige Volk, das sich seine Könige oder Königinnen selbst aussuchen wollte. Unerhört – da hätte man in Ostarrichi ja gleich die Republik ausrufen können! Weil aber das Volk auch gar nicht wusste, welche der KönigInnen es wählen sollte, verließ man sich einfach darauf, welche/r ihnen am meisten Butter versprach und zwar auf Lebenszeit, denn auch wenn man längst nicht mehr arbeitete, so musste man doch etwas essen. So wählte man also diejenigen, die am meisten versprachen und weil die gewählten KönigInnen nie genug Butter zum Verteilen hatten, setzte man sie bald wieder ab, wählte neue - leider immer dieselben, weil andere offenkundig zu einem Experiment geführt hätten, das schon einmal schief gegangen war. Und wenn sie nicht gestorben sind dann wählt man heute noch!

 

Auch wenn die Könige von Ostarrichi vielleicht keine besonders ausgeprägte Moral dem Volk gegenüber hatten, so hat doch wenigstens dieses Märchen eine Moral: glaube niemandem, der nur Butter verspricht – man braucht gelegentlich auch etwas Wurst und ein kleines Gläschen Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

Anm.: Die Ostarrichier vergleichen sich manchmal gerne mit den Phäaken, jenem Volk von dem Homer schrieb, dass sie gastfreundlich waren und ein glückliches und sorgloses Leben führen konnten. Für einige von ihnen stimmt dies - sie besuchen Opernbälle und Charity-Veranstaltungen, da man besonders bei letzteren immer etwas zu essen bekommt - und "Geld" hat man eh'.

 

Bei Joseph Weinheber hört sich 1948 „Der Phäake“ dagegen so an:

 

Ich hab sonst nix,

drum hab ich gern

ein gutes Papperl, liebe Herrn:

Zum Gabelfrühstück gönn ich mir ein Tellerfleisch,

ein Krügerl Bier, schieb an und ab ein Gollasch ein,

(kann freilich auch ein Bruckfleisch sein),

ein saftiges Beinfleisch, nicht zu fett,

sonst hat man zu Mittag sein Gfrett

 

Es könnte sein, dass die östlichen Ostarrichier deswegen meist etwas wohlbeleibter sind und zu hohe Cholesterinwerte haben - aber das kümmert sie nicht, wie sich Ostarrichier auch ganz allgemein um überhaupt nichts kümmern, was sich außerhalb ihrer Landesgrenzen befindet. 

 

Mit dem Utopia von Thomas Morus haben die Ostarrichier nicht sehr viel gemein, außer, dass wie in Utopia. auf eine für jeden Kranken optimale Krankenversorgung wertgelegt wird. Schon dass die wissenschaftlichen Vorlesungen in Utopia öffentlich sind und diese zu besuchen die beliebteste Freizeitgestaltung der Utopier ist, kann man bei den Ostarrichiern für eher unwahrscheinlich halten - obwohl sie ständig nach einer Bildungsreform riefen und auch die allgemeine Arbeitspflicht oder der gemeinschaftlich betriebene Ackerbau entsprach nicht ganz den Vorstellungen, welche die Ostarrichier von sich selbst haben - Ostarrichi ist eben nicht Utopia, sondern eine geschichtliche Gegebenheit!

 

 

(Update 15.12.2014, Erstfassung 18.07.2008)

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