Last Minute - die Erziehung zu glücklichen Menschen

 
Last Minute - © Alfred Rhomberg

 

Das Recht auf Urlaub ist in Europa und Nordamerika etwa seit 1880 bekannt, Thomas Cook gilt als der Erfinder der Pauschalreisen – sicher hatte er dabei nicht an den Last Minute Tourismus unserer Tage gedacht.

 

In der letzten Minute - also at the last minute - hatte ich mich entschlossen, doch keinem Last-Minute Angebot eines Reiseveranstalters zu folgen, mir fehlte ganz einfach der dazu gehörige Mut – andere würden sagen: Entschlossenheit. Für viele sind Mut und Entschlossenheit das Gleiche – was sie nicht sind: ich habe den Mut, mich für etwas zu entschließen, aber auch den Mut mich für etwas nicht zu entschließen. Hätte ich mich für eine Last-Minute-Reise entschlossen, so würde ich mich in ein Flugzeug zusammen mit lauter glücklichen Leuten gezwängt haben, hätte mich in einem Fünfsterne-Hotel an einer griechischen, türkischen oder malaysischen Küste wiedergefunden und wäre mit lauter glücklichen Menschen bereits am Frühstücksbuffet verwöhnt worden, anschließend wäre ich AnimateurInnen ausgeliefert gewesen, hätte mit glücklichen Menschen irgendwelche – auf österreichisch sagt man „Leibesübungen“ – gemacht, die ich schon in der Schulzeit gehasst hatte (allerdings war ich damals nicht von glücklichen Menschen umgeben). Dann hätte ich die griechische, türkische oder malaysische Küche nach internationalem Standard mit einigen fremdländischen Akzenten zusammen mit glücklichen Menschen absolviert. Die abendliche Disco hätte ich womöglich aus Langeweile auch nicht ausgelassen, weil sich das für glückliche Menschen so gehört und nach ein oder zwei Wochen hätte ich das Land wieder verlassen und mich gefragt, ob ich in Griechenland, der Türkei oder in Malaysia verbracht hatte – ich würde das anhand der Reiseunterlagen, der unzähligen Digitalfotos und der darauf befindlichen landestypischen Merkmale ja später nachprüfen können. Preis(wert) wäre die Reise sicherlich gewesen – aber war sie auch den Preis wert, sie gemacht zu haben? Ich würde die anderen glücklichen Menschen, die mich auf der Reise begleitet hätten, nicht fragen können weil ich sie nicht kannte und diese sich vermutlich sofort in die verschiedensten Richtungen nach ihrer Ankunft verteilt hätten.

 

Ich muss zugeben, dass andere glückliche Menschen Tirolreisen buchen und in durchaus glücklicher tirolischer Atmosphäre mit Tiroler Schmankerln wie „Getrüffelten Bandnudeln“ oder „Spaghetti Bolognese“ verwöhnt werden – vielleicht besuchen sie einen Heimatabend  und wissen dann genau, wie wir Tiroler so tagein tagaus leben.

 

Warum gibt es keine Last-Minute-Angebote in einer kleinen Familienpension in der Toscana oder in einem kleinen Nest in Südfrankreich mit landesspezifischen Spezialitäten wo es weder AnimateurInnen, noch der deutschen oder englischen Sprache mächtige PensionsinhaberInnen gibt? Die Frage ist dumm, weil ich die Antwort ja kenne:  solche Familienpensionen kommen in Tourismusangeboten nicht vor -  sie passen nicht in die landläufigen Vorstellungen von Tourismus, der meist nichts mit „Erholung“ im engeren Sinne zu tun hat. Tourismus ist etwas zu „Absolvierendes“, das von Käufern und Verkäufern im Sinne eines reibungslosen Kommerzgeschehens ökonomisch abgewickelt wird und für unverzichtbar erklärt worden ist(1). Daher ist der „Zusammenschluss“ verschiedener ursprünglich verfeindeter Tourismusverbände (z.B. in Tirol – aber sicherlich nicht nur dort) ein ganz normaler Prozess von feindlichen oder weniger feindlichen, auf jeden Fall gewinnträchtigen „Übernahmen“, die mit der Übernahme z.B. eines Sportartikelherstellers durch einen anderen Sportartikelhersteller, absolut vergleichbar sind.

 

Facit: Die Tourismusindustrie bemüht sich zu definieren, wie sich Menschen unserer Zeit zu erholen haben – in diesem Konzept haben entschlussunfähige Menschen, die sich weigern zu glücklichen Menschen erzogen zu werden, keinen Platz – so wie eigentlich niemand in einer kommerziell geprägten Gesellschaft Platz hat, der sich kommerziellen Zwängen entzieht.

 

Anm.: Fairerweise muss auch die andere Seite des Tourismus berücksichtigt werden: die türkische Stadt Antalya ist infolge des Tourismus von 25000 Einwohnern (1945) auf heute 950000 Einwohner gewachsen.

 

(Version 7.10.2014)

 

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(1) 2004 wurden nach Angaben der Welttourismusorganisation in diesem Bereich Erlöse von etwa 623 Milliarden US-Dollar erzielt. Mit weltweit rund 100 Millionen Beschäftigten gilt der Tourismus als einer der bedeutendsten Arbeitgeber. Grenzüberschreitende Reisen machen 25 bis 30 Prozent des Welthandels im Dienstleistungsbereich aus (Zitat aus Wikipedia)

 

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