Über Tanten

 

Tanta Agatha - (c) Wikipedia, Agatha Christie, Public Domain (Ausschnitt)

 

Meine Tante Agatha hatte mir in meiner Jugend zwei goldene Lebensregeln mitgegeben: rauche nicht und sprich keine fremden Mädchen an (Alkohol oder Kokain hätten vermutlich ihren Vorstellungshorizont überschritten und Komasaufen wäre ihr sicherer Tod gewesen – auch wenn sie davon nur in der Zeitung gelesen hätte). Obwohl ich nicht besonders tantenabhängig war, hatte ich mich meist an ihre Ratschläge gehalten, mich jedoch hin und wieder gefragt, warum ihr diese Lebensweisheiten so wichtig waren. Erstens rauchte meine Tante nicht, sie konnte ihre schlechten Erfahrungen daher wohl nur aus zweiter Hand gemacht haben und zweitens glaube ich nicht, dass meine Tante jemals fremde Mädchen angesprochen hatte, es sei denn, um sie nach einer ihr unbekannten Straße zu befragen. Zu wirklich geschmacklosen Äußerungen hätte sie sich sowieso nie hinreißen lassen. Die Weisheit der aus der Literatur bekanntesten Tante (Tante Jolesch von Friedrich Torberg) „was ein Mann schöner is, als ein Aff, is Luxus“, hätte mich als junger Mann ziemlich gekränkt – so etwas hätte meine Tante jedoch niemals zu mir gesagt.

 

Heute und in naher Zukunft erübrigt sich das Problem, Ratschläge von Tanten zu befolgen ganz von selbst, denn wegen den üblichen Ein- oder Keinkindfamilien kann es naturgemäß auch nur zu immer weniger Tanten bis gar keinen Tanten mehr kommen, ebenso wenig wie zu den männlichen Gegenstücken (Onkel etc.), die allerdings auch früher, als es sie noch gab, zumindest die eingangs zitierten beiden Ratschläge kaum erteilt hätten.

 

Wenn man den Tantenbegriff etwas weiter fasst, so kann es besonders in den heute üblichen Patchworkfamilien durchaus vorkommen, dass diese weitergefassten Tanten jünger sind als man selbst und sogar angeheiratete Tanten/Stiefmütter können so jung sein, dass die Psychiatrie vor neuen psychiatrischen Krankheitsbildern steht und der bekannte Ödipuskomplex, bei dem ein Junge einen rivalistischen Kampf gegen seinen Vater führt, heute deutlich schärfere und anders geartete Formen annehmen könnte. Jede Zeit hat eben ihre Probleme - aber auch Problemlösungen: wenn die Kinderlosigkeit in den Industriestaaten weiter zunimmt, gibt es bald weder Mütter, Väter noch andere Verwandte – mich hätte es also in der heutigen Zeit vermutlich schon gar nicht mehr gegeben.

 

Es lebe die gute alte Zeit, mit der Einschränkung, dass damals eben auch Tanten mit Ratschlägen in Kauf genommen werden mussten.

 

 

(Version 19.4.2013)

 

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