(Ver)änderungen

 

 

kompliziert - (c) Alfred Rhomberg

 

 

Josef wachte mit dem unangenehmen Gefühl auf, nicht mehr Josef zu sein. Tatsächlich hatte sich in der Nacht ziemlich viel verändert. Eigentlich hatte sich zwar gar nichts verändert - nur wurde in irgendeinem astrophysikalischen Labor eine neue „Supernova“ entdeckt, in einem anderen eine neue Theorie über „schwarze Löcher“ zuerst angedacht und dann sofort publiziert – alles Vorgänge, wenn – sofern sie denn wahr wären – nicht erst über Nacht geschahen, sondern ziemlich lange zurück lagen. Dass Josef davon erst in den Morgennachrichten erfuhr lag daran, dass die auf der Lauer liegenden JournalistInnen gerade eben erst Nachrichten ihrer Agenturen erhalten hatten, die sie ungeprüft an ihre Auftraggeber, die Medien, weiterleiteten. Wie hätten sie diese Nachrichten auch überprüfen können?

 

Im Nachbardorf Josefs war ein Bauernhof abgebrannt, in Afrika ein neuer Krieg ausgebrochen, Frau Polacek war gestorben und irgendwo ein Flugzeug abgestürzt.

 

In Josefs Körper waren über Nacht soundsoviele Zellen teilweise abgestorben, neu entstanden oder hatten einen Mutationsprozess erlebt, den Josef nicht heute, aber irgendwann einmal spüren würde.

 

Ein für Josef bestimmter Brief mit der Zahlungsaufforderung einer größeren Summe war bereits im nächsten Postamt eingelangt und würde Josef in den nächsten Stunden durch den Briefträger zugestellt werden, außerdem würde der Ätna heute wieder einen Ascheausbruch vorbereiten.

 

Zu allem Überfluss läutete der Wecker, um Josef zu mahnen aufzustehen, sich das Frühstück zu bereiten und um zu erfahren, dass seine Firma in Konkurs gegangen war.

 

War es bei so vielen 'möglichen', tatsächlichen und wahrscheinlichen Veränderungen da ein Wunder, dass Josef mit dem Gefühl aufwachte, nicht mehr „Josef“ zu sein? Ob es nun nur ein Gefühl oder jedoch reale Gegebenheit war – es ist unwahrscheinlich, dass dies am Weltenlauf irgendetwas geändert haben würde.

 

Veränderungen sind je nach Auffassungssache "kein oder (doch) ein Widerspruch" in sich – denn wenn sich etwas verändert, so gilt rein philosophisch das in der Wikipedia-Enzyklopädie beschriebene „Veränderungsphänomen“:

 

„Die sorgfältige Beschreibung des Veränderungsphänomens führt in ein Widerspruchsproblem. Veränderung muss nämlich als ein Zugleich von Identität und Nicht-Identität ausgesagt werden. Wenn sich etwas verändert, bleibt es dasselbe und ist doch zugleich nicht dasselbe. Veränderung besteht also in einer Einheit voneinander ausschließenden Gegensätzen und stellt ein Beispiel dafür dar, dass alles in der Welt (und auch die Welt als ganze) die Struktur einer Einheit von Gegensätzen aufweist. Hierin liegt die letzte logisch-ontologische Erklärungsbedürftigkeit der Welt, weil angegeben werden können muss, wie sich ein Widerspruchsproblem von einem echten Widerspruch, der durch die universale Geltung des Nichtwiderspruchsprinzips ausgeschlossen ist, unterscheiden lässt“ (Ende des Zitats).

 

Bei genauerer Betrachtung all dieser komplexen Gegebenheiten beschloss Josef, das morgendliche Gefühl, „nicht mehr Josef zu sein“ vorerst zu verdrängen und sich den Unannehmlichkeiten des wartenden Tages zu stellen, denn er wollte auch nicht länger über das Widerspruchsproblem bei Veränderungsphänomenen nachdenken. 

 

 

(23.2.2013)

 

 

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