Schlechte Zeiten für blaue Pferde - oder der Tod der Phantasie

 
© Ist man mit Phantasie versehen so kann man bei mir sehr schönes sehen, 17/7/1930 (John Elsas) - kein copyright, älter als 70 Jahre

 

Weit in der Ferne trabte ein blaues Pferd auf der Wiese an Johanna und Sebastian vorbei. Den beiden fiel das Pferd nicht auf – nichts fällt heute mehr besonders auf, es gibt wichtigere Probleme als blaue Pferde: Sebastian erklärte Johanna gerade die Kamerafunktion seines neues Smartphons.

 

Das blaue Pferd hielt inne und kehrte um – es war nicht gewohnt, unbeachtet zu bleiben und platzierte sich direkt hinter Johanna und Sebastian, der gerade davon schwärmte, wie naturgetreu die fotografierten Bilder jetzt seien. Um das zu demonstrieren stand er auf und fotografierte das Pferd. Einen gewissen Blaustich habe das Bild aber schon, meinte Johanna. „Das ist ja gerade das Fantastische an dem neuen Gerät“ – ein Touch auf das Display genügt und das Pferd ist wieder normal braun… die neuen Grafikfilter sind wirklich hervorragend und ganz einfach zu bedienen“. Das blaue Pferd sah das Bild aufmerksam an und begann an sich selbst zu zweifeln. War seine äußere Erscheinung wirklich so hässlich braun wie auf dem technisch "einwandfreien" Foto oder aber doch so blau wie es dies von sich bisher stets annahm? War das Pferd vielleicht einer jahrelangen Selbsttäuschung erlegen?

 

Das Pferd begab sich zu einem berühmten Pferdeflüsterer und fragte ihn um dessen Meinung. Er war ein gebildeter Mann – fast ein Psychiater und meinte: „Selbsttäuschungen sind Forschungsgegenstand der Kognitionspsychologie, sie bedeuten die Neigung, Informationen so auszuwählen, dass diese die eigenen Vorstellungen erfüllen - was jedoch noch nicht heißt, dass die betreffende Person – in diesem Fall das Pferd, auch wirklich einer Selbsttäuschung unterliegt. Er warf dem Pferd noch eine Theorie von Peter Wason über kognitive Verzerrungen hinterher, das Pferd hatte jedoch aufgrund der vielen Fachausdrücke – gerade wurde das Wort Borderline-Persönlichkeitsstörung gebraucht - längst geistig abgeschaltet und fragte nur ganz bescheiden: und wie steht es mit der Phantasie? Ist die Phantasie, sich für ein hübsches blaues Pferd zu halten, nicht etwas sehr Schönes – jeder spricht doch heute von Phantasie als etwas Unabdinglichem in der Kunst?

 

„Papperlapapp – die Phantasie stellt nach modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen sozusagen ein Ventil zur Triebbefriedigung dar!“ Jetzt wurde das blaue Pferd traurig, zahlte dem Pferdeflüsterer ein recht „phantasievoll“ hohes Honorar für seine Einflüsterungen und verließ diesen Scharlatan im Galopp.

 

Plötzlich kamen dem Pferd Johanna und Sebastian entgegen und Johanna rief enthusiastisch: „Schau Sebastian – ein blaues Pferd!“ Sebastian entgegnete als Psychologiestudent nur etwas amüsiert: „Hast du wieder deine „phantasievolle Phase“ – ich würde mich doch einmal auf eine Borderline-Störung bei einem guten Psychiater untersuchen lassen!

 

Da begriff das Pferd, dass es in einer schlechten Zeit für blaue Pferde lebte und wünschte sich wehmütig die „gute alte Zeit der Phantasie“ wieder zurück.

 

(21.12.2015)

 

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