Die wiedergefundene Phantasie – allerdings ohne schrägem Adjustment

 

schräges adjustment - © Alfred Rhomberg

 

Die Phantasie hatte ihre eigene Phantasie irgendwo liegen gelassen, jedenfalls vermisste sie etwas – sich selbst. Es ist unangenehm, wenn frau/man sich selbst vermisst – es zwingt zu mühsamen Recherchen. Als erstes versuchte sie es bei der Fundstelle für vermisste Angelegenheiten – denn nur was vermisst wird, kann eventuell auch wiedergefunden werden. Der Oberfundmeister fragte die Phantasie, was, wann und wo sie etwas verloren habe. Das wüsste sie alles nicht genau, außer, dass sie sich selbst vermisste. Der Oberfundmeister blickte etwas erstaunt, wie alle Menschen die es normalerweise mit Routineangelegenheiten zu tun haben und daher keine Phantasie mehr haben. Etwas belustigt ging er auf das vermeintliche Spiel ein und fragte die Phantasie, wie ihre Phantasie denn ausgesehen habe. Die Phantasie versuchte präzise zu antworten und sagte: „Schauen Sie einfach mich an und denken Sie mich dann weg und anschließend suchen Sie bitte in ihren überfüllten Regalen“. Nach längerem Suchen kam der Oberfundmeister zurück und meinte bedauernd: „Es tut mir wirklich leid, ich habe nichts gefunden, was annähernd so wie Sie aussieht“. „Das können Sie ja auch gar nicht, Sie haben mich ja gerade vorhin weggedacht und müssen nach etwas suchen, das so aussieht wie halt eine ganz normale Phantasie auszusehen pflegt“. „Entschuldigen Sie bitte, ich pflege meine Kunden nie so genau anzusehen – ich achte mehr darauf, nach was gesucht werden soll“. „Das haben Sie aber in meinem Fall offenbar recht ungenau getan – Sie werden es nie zu Generalfundmeister bringen“. Der Oberfundmeister runzelte etwas verärgert die Stirn und fragte streng: „Also wie sah dasjenige aus, was Sie vermissen?“. Die Phantasie beschrieb sich ziemlich präzise etwa folgendermaßen:

„Meine Phantasie hatte einen goldroten Oberpleißer, zwei grün-blaukarierte Unterpleißer und einen dazu passenden Mittelpleißer mit schrägem Adjustment“. Der Oberfundmeister nickte so, als ob er alles verstanden hätte und fragte rein routinemäßig: „Und wie sahen die Schuhe aus“? „Phantasien tragen normalerweise  keine Schuhe, sie denken sie sich – das ist billiger, ich helfe Ihnen aber gerne bei der Suche in den Regalen!“ „Das wäre mir schon sehr recht“, sagte der Oberfundmeister und so suchten sie gemeinsam in den langen prallgefüllten Regalen, bis die Phantasie plötzlich auf einen leeren Platz hinwies und sagte, „da ist ja das, nach dem ich suche. „Dann nehmen Sie es bitte gleich mit und unterzeichnen Sie bitte, dass Sie dasjenige, was immer Sie auch gesucht haben mögen, zurückerstattet bekommen haben“. In beidseitiger Verwirrung über die logischen Abläufe des Wiederfindungsprozesses, unterschrieb die Phantasie, sich wieder gefunden zu haben, ließ jedoch in begreiflicher Aufregung ein kleines Detail in der Fundstelle für vermisste Angelegenheiten liegen: ihr schräges Adjustment! Für eine Phantasie ist so etwas nur ein geringfügiger Verlust, für den Oberfundmeister jedoch ein denkwürdiges Andenken, welches er – sozusagen als Maskottchen – zur bevorstehenden Prüfung zum Generalfundmeister mitnahm.

 

Die Prüfung verlief zunächst fast aussichtslos, bis der Oberfundmeister in seiner Verzweifelung das schräge Adjustment der gestrengen Fundmeisterkommission auf den Tisch legte. Als er verlegen aufblickte, sah er in strahlende Gesichter – das ändere natürlich die Situation, meinte der Vorsitzende der Fundmeisterkommission. Er nahm das schräge Adjustment und heftete es dem Prüfling an sein schlichtes Oberfundmeistergewand und ernannte den ehemaligen Oberfundmeister zum zukünftigen Generalfundmeister. Seither tragen alle Generalfundmeister ein schräges Adjustment als Zeichen für ihre überdurchschnittlich gute Beobachtungsgabe.

 

Die Phantasie vermisste ihr schräges Adjustment nicht – es wäre wohl wenig phantasievoll, auch nur annähernd ähnliche Accessoirs wie ein gemeiner Generalfundmeister zu tragen.

 

(Version 4.3.2015)

 

 

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