Die grüne Präambel

 

 

Grüne Präambel - (c) Alfred Rhomberg

 

Ich hatte schon lange nicht mehr in die grüne Präambel geschaut, also in jenes Werk, das ich selbst vor langer Zeit einmal in einem offenbar unsicheren Lebensabschnitt geschrieben hatte. Bewusst hatte ich die grüne Präambel damals so gut versteckt, dass die Gefahr nicht allzu groß war, zufällig auf sie zu stoßen. Jetzt wollte ich darin blättern, um mein weiteres Leben wieder in geordnetere Bahnen zu lenken.

 

Meine grüne Präambel ist etwas anders aufgebaut, als es Präambeln normalerweise sind und beginnt mit dem Ende des Schriftwerkes:

„Ich der Unterzeichnende gelobe, mich niemals an den Wortlaut dieser Präambel zu halten“

 

Dann folgte der eigentliche Einführungssatz:

 

„ucevegabawasola qwu sanahunt !”

 

(? – ich kann mich nicht erinnern, was ich damit meinte – die Präambel hatte ich ja noch vor der Passwortzeit geschrieben), bin aber ganz sicher, dass ich mich nie an diese Eingangsworte gehalten habe oder in Zukunft daran halten werde.

 

Der nächste Satz hatte fast manifestartigen Charakter:

 

Niemand soll mich daran hindern, meine Fantasie zu gebrauchen oder nicht zu gebrauchen.

(etwas kryptisch formuliert, jedoch hatte ich mir wenigstens durch das „oder“ einen gewissen Spielraum gelassen – ein „und“ hatte ich damals aus Gründen der Logik bewusst vermieden, obwohl Fantasie und Logik manchmal nichts miteinander zu tun haben ).

 

Jetzt folgte ein schwieriger Satz:

 

„Die Freiheit der Fantasie ist höher anzusetzen als die Unfreiheit der Kreativität“

(wahrscheinlich hatte ich mir damals etwas dabei gedacht – das Leben korrigiert jedoch oft frühere Ansichten – gottseidank! – schließlich hatte ich früher ja auch geglaubt, Freiheit sei irgendetwas nützliches, anzustrebendes – stattdessen nützen die anderen meist ihre Freiheit aus, um meine eigene Freiheit zu beschneiden).

 

Immer wieder hatte ich mich über Kunst, Fantasie und Kreativität ausgelassen: z.B.:

 

“Die Kunst imitiert nicht, was die Natur schafft, sondern sie arbeitet nach dem gleichen Prinzip, wie die Natur schafft.”

 

Anm.: Der Satz kam mir etwas verdächtig vor – er war zu gut, um von mir zu sein – heute weiß ich, dass er von Thomas v. Aquin, Phys. II, 4 (Fretté-Maré XXII, S.348) stammt. (Damit hatte Thomas von Aquin möglicherweise schon damals das Wesen der modernen Kunst einbezogen – zeitgenössische Kunst mag manchmal chaotisch erscheinen, aber die Natur arbeitet oft mindestens so chaotisch – Erdbeben, Überschwemmungen und die Schaffung des homo sapiens).

 

Ein weiterer Satz der grünen Präambel:

 

„Eine pragmatische Möglichkeit den „Kunstbegriff“ zu retten, könnte die Hypothese sein, dass Kunst gewissen Spielregeln unterworfen ist, die sich im Laufe der Zeit ändern können und dass wir nur dasjenige als Kunst akzeptieren, was diesen Spielregeln gehorcht. Ist das Erfinden von Spielregeln dann nicht der eigentlich schöpferische Akt?“ (dieser Satz stammt nun tatsächlich von mir, wie ich mich beim Durchlesen einer meiner früheren Beiträge überzeugen konnte: Kunst - der Versuch einer Abgrenzung zur "Unkunst"

(der Satz gefällt mir heute noch – obwohl er nicht von Thomas von Aquin stammt).

 

Es folgen noch viele Sätze in meiner grünen Präambel, die jedoch übergehbar sind, weil sie zum Thema Fantasie nicht allzu viel aussagen. Die Präambel schließt mit dem eigentlich als Anfangssatz gedachten Satz:

 

Sol lucet omnibus! – Die Sonne scheint für alle! (zögernd hatte ich noch dazu angemerkt: für alle die Fantasie haben, diese Anmerkung aber wieder durchgestrichen – wahrscheinlich weil ich schon damals bemerkt hatte, dass sie auch für diejenigen scheint, die keine Fantasie haben.

 

P.S. Da ich beim Durchblättern meiner grünen Präambel nichts vorfand, was ich heute nicht sowieso weiß, habe ich sie sofort wieder versteckt – diesmal an einen Ort, wo ich sie sicher nicht mehr wiederfinden werde. Nur der Satz:

 

„ucevegabawasola qwu sanahunt!“ ließ mich nicht los, vielleicht verfügte ich damals doch über mehr Fantasie.

 

Bevor ich jedoch meine grüne Präambel wieder wegschloss, ergänzte ich sie noch um den Satz:

 

„Die Freiheit der Phantasie ist keine Flucht in das Unwirkliche, sie ist Kühnheit und Erfindung“ (leider stammt auch dieser Satz nicht von mir, sondern von dem rumänisch-französischen Schriftsteller Eugène Ionesco (1912-94).

 

 

(4.4.2012)

 

 

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