Die drei Wünsche

 

 

Merlin - auch Myrddin genannt - keine copyrights, da Public Domain

 

 

 

In vielen Märchen gibt es die Situation, dass jemand aus irgendwelchen Gründen drei Wünsche frei hat. Und weil Märchen meist eine Moral haben, läuft es oft darauf hinaus, dass solche Wünsche sinnlos vertan werden und der letzte Wunsch nur darin besteht, wieder den Urzustand herzustellen.

 

Ich war vermutlich schon als Kind etwas zu rational, weil ich mich bereits damals fragte, warum die angesprochenen Personen in Märchen immer so unsinnige Wünsche vorbrachten. Ich selbst hätte als ersten Wunsch geäußert, sehr reich zu sein (um zu überprüfen, ob dieser Wunsch wirklich in Erfüllung geht). Als zweiten Wunsch hätte ich mir – durch die Märchenwelt angesteckt – eine hübsche Prinzessin gewünscht (ohne damals genau zu wissen was ich mit ihr hätte anfangen sollen – aber in den Märchen liest man das so). Ja – und als dritten Wunsch hätte ich das Wunscherfüllungssystem getestet und hätte mir gewünscht, dass mir zukünftig grundsätzlich alleWünsche in Erfüllung gehen sollten. Ich war mir bewusst, dass dies ein recht kühner, geradezu unbescheidener Wunsch war, aber warum sollte mir gerade dieser Wunsch verweigert werden, wenn die beiden ersten Wünsche schon erfüllt worden waren. Dass ich mir diesen Wunsch als letzten aufgehoben hatte, beruhte auf der Überlegung, man könne mich wegen Unbescheidenheit vielleicht gleich von der Wunscherfüllungsliste streichen, wenn ich diesen Wunsch zuerst genannt hätte. Vielleicht hätte man mir dann überhaupt keinen weiteren Wunsch erfüllt – in der genannten Reihenfolge hätte ich zumindest bereits viel Geld und eine hübsche Prinzessin gehabt – und mit viel Geld lässt sich, wie wir immer wieder medial erfahren, vieles erreichen.

 

Wenn ich heute etwas Freizeit habe – was nie vorkommt – denke ich u.a. darüber nach, ob die damals gewählte Reihenfolge wirklich so vernünftig war, bin jedoch stets zu dem Schluss gelangt, dass ich gegebenenfalls heute gleich handeln bzw. wünschen würde.

 

Der Unterschied zu früher ist lediglich der, dass ich heute weiß, niemals jemandem zu begegnen, der mir drei Wünsche in Erfüllung gehen ließe, obwohl ich heute wesentlich bescheidener bin und auch mit einem einzigen (oder allenfalls zwei) erfüllten Wünschen zufrieden wäre: nämlich zu wissen, wie der Börsenstand des Dow Jones in genau einem Monat aussähe und eventuell als zweiten Wunsch, dass diejenigen, die für die Börsenkurse verantwortlich sind, sich bitte nicht irren sollten. Ich hätte dann Optionsscheine aus geliehenem Geld gekauft (wie man das zumindest im Bankwesen heutzutage so macht), ohne Gefahr zu laufen, dadurch eine Bankenkrise auszulösen – im Gegenteil, ich hätte meine Gläubiger durch hohe Zinsen belohnt (wie man das heute – zumindest im Bankwesen eher nicht macht)…

 

Noch in Gedanken versunken, setzte ich meinen Weg fort, da kam mir plötzlich Myrddin (nach der Christianisierung auch als Merlin bekannt) entgegen, und zu meiner Überraschung hielt er mich an und sagte „Du hast drei Wünsche frei – alles ist möglich“ (die Formulierung hatte er vermutlich der Fernsehwerbung für Lotterien entnommen).

 

Als ich meinen ersten Wunsch vortrug, nämlich dass ich gerne reich sein wolle (wegen seines urheidnischen Aussehens, traute ich mich nicht ihn nach der Zukunft von Börsenindices zu fragen), antwortete er: “Du bist doch reich, du bist gesund, hattest ein erfülltes Leben usw…dein erster Wunsch ist also bereits in Erfüllung gegangen”. Meinen zweiten Wunsch nach der hübschen Prinzessin beantwortete er: „du bist doch bestens versorgt, hübsche Prinzessinnen sind meist nicht so hübsch, wie man das in den Märchen liest, außerdem können sie sehr anstrengend sein“. Als rationaler Mensch hoffte ich insgeheim, Merlin wäre mächtiger gewesen, obwohl er mit seinen Antworten im Prinzip recht hatte.

 

Bei meinem dritten Wunsch, mir in Zukunft alle Wünsche zu erfüllen, wurde Merlin richtig grob - ich hatte das befürchtet. Wütend sagte er zu mir: Du bist wohl nicht ganz richtig im Kopf, da könntest du dir womöglich sogar wünschen, selbst Merlin zu sein…nein diesen Wunsch kannst du vergessen“. Er stampfte mit den Füßen auf und verschwand. Er fürchtete vermutlich die Bibelstelle aus Exodus 22, 17: „ Denn die Zauberer sollst du nicht am Leben lassen“.

Ich hätte Merlin (als Lehrer von König Artus) etwas mehr Höflichkeit zugetraut. König Artus hätte er vermutlich nicht so grob angefahren – aber vielleicht gab es König Artus ja gar nicht – mich dagegen schon. Ernster zu nehmen war da schon eine Schrift von Tacitus, nachdem auch die eindrucksvollsten Verfluchungen des Gegners z.B. vor Schlachten durch furiose Druidinnen ihre einschüchternde Wirkung verfehlen.

 

Seitdem habe ich zwar immer noch Wünsche, warte aber auf die Begegnung mit moderneren Zauberern, die vielleicht sogar etwas von der Börse verstehen.

 

„Version 22. 2. 2013)

 

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