Das rote Geschöpf - honny soit qui male y pense!

 

 

rotes Geschöpf - (c) Alfred Rhomberg

 

 

Das rote Geschöpf läuft stets hinter mir her, weil ich es, nach seiner Meinung, "unvorteilhaft" erschaffen bzw. „geschöpft“ habe und es mit meiner Kreation nicht zufrieden war. Ich versuchte ihm einzureden, dass es im Hinblick auf einige Schöpfungen moderner Meister, relativ zufrieden sein könne - es half nichts. Bei Geschöpfen großer Meister trauen sich die Geschöpfe meist nicht, gegen ihr Geschaffensein zu protestieren, weil sie sofort die Antwort bekämen: „Sei bloß ruhig – ohne mich wärst du gar nichts!“ Da ich leider nicht zu diesen Meistern gehöre – was das rote Geschöpf instinktiv erkannte – glaubte die undankbare Kreatur, mit mir handeln zu können. „Könntest du mich nicht etwas umschöpfen?“ fragte es mich einmal. Da ich kein Unmensch bin, ließ ich mich gelegentlich auf solche Gespräche ein und fragte z.B. „Wie hättest du es denn gern?“ Man soll sich auf solche Debatten gar nicht erst einlassen, sie führen zu nichts. Einmal wollte das rote Geschöpf wie die Venus von Milo aussehen, ein anderes mal wie Marilyn Monroe und dann wieder wie ein Bildnis von Modigliani – dazwischen liegen Welten und solche Welten zu überschreiten bin ich einfach nicht bereit (ich vermeide dem roten Geschöpf gegenüber das Eingeständnis: nicht fähig). Als es einmal den Wunsch äußerte, wie Alexander der Große auszusehen, riss mir der Geduldfaden und ich herrschte es an, es möge sich auf Nimmerwiedersehen entfernen oder so bleiben, wie ich es erschaffen hatte. Dieser für mich ungewöhnliche Gefühlsausbruch hatte seine Wirkung nicht verfehlt, dem roten Geschöpf kamen die Tränen und es beschuldigte mich, ein unwürdiger Dilettant zu sein. Aber so leicht lasse ich mich nicht einschüchtern und antwortete: „Dilettant ja – aber einer, der rote Geschöpfe liebt!“ (das eine schließt ja das andere nicht aus). Das rote Geschöpf sah mich mitleidig an und meinte fast tröstend, dass man einem Dilettanten nicht verübeln dürfe, gelegentlich rote Geschöpfe zu kreieren, aber wenigstens, sollten sie so kreiert werden, dass dafür am Kunstmarkt Rekordpreise erzielt werden könnten. Jetzt war es an mir, meine Tränen mühsam zu verbergen – schließlich hatte das rote Geschöpf recht – es war meine Schuld, nicht so berühmt geworden zu sein, dass sich die Kunstszene darum riss, mein rotes Geschöpf um siebenstellige Summen bei Sotheby’s zu versteigern.

 

Seither haben das rote Geschöpf und ich eine Art Friedensabkommen getroffen – es läuft mir nicht mehr hinterher und ich schaffe derzeit nur schlamm-oliv-graue Geschöpfe. Sollte sich das rote Geschöpf nicht an unser Abkommen halten, greife ich zum Pinsel und streiche es schlamm-olive-grau an – honni soit qui male y pense.

 

(15.3.2013)

 

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