Über Wegkreuzungen und Gabelungen

 


Weggabelung - © Alfred Rhomberg

 

 

Wer einen Weg entlang geht muss damit rechnen, auf eine Wegkreuzung zu stoßen. Theoretisch gäbe es dann vier Wahlmöglichkeiten – eigentlich sind es jedoch nur drei, weil der Weg von woher man kam, bereits bekannt ist. Drei unbekannte Ziele im Falle einer Kreuzung wären ziemlich viel, deswegen ziehe ich Weggabelungen vor, bei denen es nur zwei Entscheidungsmöglichkeiten gibt – entweder den linken Weg oder den rechten Weg einzuschlagen. Beide Möglichkeiten haben eines gemeinsam – sie führen irgendwo hin, wobei es sich allerdings um zwei verschiedene irgendwos handeln würde.


Natürlich könnte es sein, dass sich die beiden Wege irgendwo wieder träfen – dann reduzierte sich das Problem auf ein gemeinsames irgendwo – so wie sich das linke Unendlich auf einer Abszisse mit dem rechten Unendlich irgend wo im Unendlichen treffen, da es ja nur ein einziges Unendlich gibt. Im Falle meiner Weggabelung war diese Möglichkeit wenig wahrscheinlich – wer würde eine Weggabelung anlegen, wenn die beiden Wege dann wieder zusammen treffen sollten – so etwas wäre absurd, wenn auch in unserer Zeit nicht ganz ausgeschlossen.


Bevor man allerdings wüsste, ob sich die Wege vereinen würden, muss man eine Entscheidung treffen und zwei immerhin mögliche, jedoch verschiedene irgendwos in Kauf nehmen. Ich entschied mich für das linke irgendwo und tat gut daran, weil ich nach relativ kurzer Zeit ein angenehmes Gasthaus fand. Es wäre wohl auch möglich gewesen, dass ich, falls ich mich für das rechte irgendwo entschieden hätte, ebenfalls ein angenehmes Gasthaus – womoglich ein noch angenehmeres vorgefunden hätte. So etwas weiß man am Punkt einer Weggabelung nie. Wie auch immer – vorläufig machte ich es mir in meinem Gasthaus bequem und dachte nach einem guten Essen und einem Viertel Wein darüber nach, dass eine Wegkreuzung statt einer Gabelung alles noch wesentlich komplizierter gemacht hätte. In der wohligen Zufriedenheit, nur die weniger problematische Weggabelung vorgefunden zu haben, machte ich mich auf den Heimweg und gelangte plötzlich wieder an eine Weggabelung, die ich offenbar beim Her-Weg übersehen hatte – ich hatte mich ja auch nur um vorwärtsführende und nicht um rückwärts führende Weggabelungen gekümmert – wer kümmert sich schon um dasjenige, was hinter einem liegt. Jetzt musste ich mich allerdings noch einmal entscheiden und wählte wieder den linken Weg – eine derartige Entscheidung hatte mir ja schon einmal Glück gebracht und der Weg führte mich auch tatsächlich rasch zu meinem Haus. Soviel Glück war es wert, mit einem weiteren Viertel Wein gefeiert zu werden. Anschließend dachte ich noch einmal über die gesamte Problematik unter dem Gesichtspunkt der Wahrscheinlichkeitsrechnung nach. Beim Hinweg hätte die Wahrscheinlichkeit das eine oder andere „irgendwo“ zu treffen bei einer Weggabelung exakt 50 % betragen. Bei einer Kreuzung wäre unter Einbeziehung eines dritten irgendwos der Prozentsatz nur bei 33,3333333…% gelegen. Wenn man den Hin- und Rückweg zusammenrechnet, so wäre der Prozentsatz das richtige zu treffen im günstigsten Fall ca. 25 Prozent, im ungünstigsten Fall jedoch nur 16,6666666…% . Gerade wollte ich mir wegen dieser Erkenntnis meines zweifellos vorhandenen Glücks ein weiteres Viertel Wein eingießen, als eine innere Stimme mich davor warnte, in dem sie mir zuflüsterte, dass ich dann vielleicht albtraumartige Vorstellungen im Schlafe von weiteren Weggabelungen und Wegkreuzungen (mit mehr als zwei Gabelungen) haben könne, was zu einem erheblich höheren Rechenaufwand bis hin ins Unermessliche hätte führen können. Nach dem Verzicht auf ein drittes Viertel Wein schlief ich wohlig ein und träumte von ungegabelten, ungekreuzten also geradeausführenden Wegen, solange bis ich am nächsten Morgen vom Schlaf gestärkt, einem herrlichen Frühlingstag entgegensah und mich wieder auf den Weg machte.

 

(Version 7.10.2013)

 

 


                                                                                              

 

 

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