Terroristen und Nachahmungstäter - ein Vergleich mit den Suiziden als Folge des Romans „Die Leiden des jungen Werthers“ (Goethe)

Der Suizid - © Alfred Rhomberg

 

Ein solcher Vergleich scheint weit hergeholt -  abgesehen, dass Vergleiche oft etwas „hinken“, ist der Autor dieses Beitrags jedoch von Gemeinsamkeiten mit der von Goethe skizzierten Persönlichkeitsstruktur des „Werther“ bzw. der Rezeption des Briefromans in der damaligen Gesellschaft und dem psychosozialen Umfeld des Terrorismus unserer Zeit überzeugt.

 

Im „Jahrbuch der Psychoanalyse 1996“ wird die Figur des Werthers von Walfried Lingen als „präpsychotische Persönlichkeit, infantile Persönlichkeit bezeichnet, die nicht bereit ist, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen – Werther sei ein Narzisst, der sich innerlich leer fühle und vergeblich versuche, diese leere durch Arbeit (oder durch Lottes Liebe) zu füllen“ (1).

 

2007 kommt Gerhard Oberlin zu einer umfassenden Diagnose der Psyche Werthers:  

 

Das Krankheitsmodell „Werther“ umfasst eine Reihe von Merkmalen, die vermuten lassen, dass eine narzisstische Symptomatik repräsentiert wird. Dazu gehören neben Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen vor allem Existenzangst, Antriebsschwäche, Unrast, Stimmungsschwankungen, Realitätsverlust, der Drang zum Idealisieren, unerfüllbarer Kreativitätsdrang, Melancholie, Megalomanie (Anm. d. Verfassers: Wahn, Wahnideen) extreme Vulnerabilität, Psychose und (euphorische) Suizidneigung (2).

 

Nicht einverstanden ist der Autor mit folgender Sichtweise: Der Politologe Anton Pelinka erklärte in „Der Standard“ am 30. April 2012: „die Systemvorstellung der neuen Protestbewegungen seien eine Mischung aus erfrischender Naivität und mangelnder Information“. Weder sind die Protestbewegungen „erfrischend naiv“, noch resultieren sie (heute, 2017) aus einem Informationsmangel.

 

Wenn man die Täterprofile der Terrorszene, gleichgültig welcher Nationalität oder Religion, näher betrachtet, so treffen heute viele der oben geschilderten Merkmale auf die Täter (neuerdings auch Täterinnen) der Terroristenszene zu, insbesondere der Realitätsverlust, sowie Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle, die zwar nicht zugeben, aber zweifellos vorhanden sind. Im Gegensatz zur Zeit des „Sturm und Drang“ (3) gibt es zwar auch heute eine „Rebellion“, jedoch nicht auf jenem hohen Niveau von 1765-1790 gegen die „bürgerliche“ Aufklärung, sondern gegen unsere gesamte moderne Gesellschaft, in der die Möglichkeiten Rebellionen auszuleben, durch das Internetzeitalter gewaltig gestiegen sind.

 

Wir leben, im Gegensatz zu den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, heute in einer insgesamt narzisstischen Gesellschaft, die durch Konsum, Selbstmitleid und Übersozialisierung geprägt wird und sich durch die Internetmedien ständig in ihrem Narzissmus verstärkt. Ebenso haben labile Menschen (die es immer gab), heute gleichfalls durch die Internetwelt – insbesondere durch Social Networks, neue Weg gefunden, mit ihrer Labilität fertig zu werden, indem sie in diesen Medien Gleichgesinnte finden und sich dadurch in ihrem Selbstwertgefühl bestätigt fühlen. Ebenso leicht werden sie in Social Networks jedoch auch durch Menschen oder Institutionen gefunden, die sich die Naivität und den Narzissmus von Jugendlichen zu Nutze machen. Wenn es sich dabei um „präpsychotische infantile“ Personen handelt, die nicht bereit sind, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen, kommt es zu den in letzter Zeit gehäuften Selbstmordattentaten. Das ist eine neue Dimension, welche die Nachahmungstäter von „Werther“ bzw. die damaligen Suizide bei weitem „technologiebedingt“ übersteigt.

 

Gibt es Auswege?

 

Theoretisch ja – jedoch meist wirklich nur theoretisch!

 

1). Kinder müssten sowohl im Kindergarten, als auch in der Schule so erzogen werden, dass ihr Selbstwertgefühl gestärkt wird (immerhin möglich).

 

2). Anonyme E-Mails und Eintragungen in Social Networks müssten verboten werden, alle postings sollten exakt nachvollziehbar sein (widerspricht den gängigen Vorstellungen der „absoluten Meinungsfreiheit“ und des Datenschutzes – daher kaum möglich!).

 

3). Die mediale Berichterstattung über Terrorakte müsste auf ein Minimum beschränkt werden, ebenso die Beachtung durch die Gesellschaft. Diejenigen, die nach den Attentaten in Paris, Nizza, Belgien oder Dortmund etc. am nächsten Tag wieder ihr normales Leben aufnahmen, handelten nicht herzlos, sondern im Grunde richtig, weil sie zeigten, dass sie dem Terrorismus keine offenkundige Beachtung schenken (dass sie innerlich anders denken, ist anzunehmen). Präpsychotische labile Persönlichkeiten brauchen Beachtung – sogar, wenn sie sich dafür durch einen spektakulären Suizid selbst opfern.

 

 

(1) Walfried Linden: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, … Die Spaltung bei Goethe als narzißtisches Phänomen. In: Jahrbuch der Psychoanalyse 1996, S. 195–216

 

(2) Gerhard Oberlin: Goethe, Schiller und das Unbewusste. Eine literaturpsychologische Studie. Psychosozial-Verlag, Gießen 2007, S. 69

 

(3)  http://wortwuchs.net/literaturepochen/sturm-und-drang/

 

 

(28. 4. 2017)

 

 

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