Sportsfrauen, Fußballdamen und Gender Mainstreaming

 

© Foto Alfred Rhomberg - Was trägt die Sportsfrau in diesem Jahr? - Hoffentlich nicht das!

 

Es gibt wenig Länder die sich mit dem „gender“ Begriff so schwertun wie Deutschland, Österreich und vielleicht die Schweiz – insgesamt also die deutschsprachigen Länder. Der Begriff stammt aus dem Jahre 1955 und wurde von dem amerikanischen Forscher John Money zum ersten Mal in einem anderen Sinn als heute gebraucht, nämlich um das Fühlen und Verhalten von intersexuellen Menschen zu beschreiben, bei denen das körperliche Geschlecht uneindeutig war, die jedoch eine eindeutige Geschlechtsidentität oder eine eindeutige Geschlechtsrollenpräsentation aufwiesen. Der Begriff war und wäre auch in der heutigen Bedeutung geschlechtsneutral. Über die feministischen Bewegungen (Gender Mainstreaming, Gender Manifest) ist er heute jedoch eher zum Anliegen der weiblichen Bevölkerung geworden, wobei Gender Mainstreaming allerdings nicht als weibliche Forderung, sondern als staatliche Selbstverständlichkeit gesehen wird, die obwohl vielfach garantiert, tatsächlich noch nicht in vollem Umfang selbstverständlich ist.

 

Die Genderproblematik spiegelt sich u.a. in der geschriebenen Sprache wieder, zumindest in der deutschen, in anderen Sprachen findet man deutlich weniger entsprechende Formulierungen. Im Englischen scheint es naturgemäß wegen der Eigenheiten der Sprache keine Formulierungen analog zu „PolitikerInnen“ zu geben, andererseits wäre es möglich she/he zu schreiben, man findet solche Formulierungen jedoch selten. In Stellenangeboten wird eine Position meist in der für beide Geschlechter geltenden Form wie „Sales Manager“ ausgeschrieben oder irgendwie „umschrieben“ und selbst wenn es eindeutig unterschiedliche Formen gibt, wie z.B. headmaster und headmistress, wird der Name director zumindest in den USA auch für Frauen vorgezogen. Im Französisch, eine Sprache, die solche Feinheiten zuließe, findet man kaum Bezeichnungen wie „ingenieur/euse“ (und sehr selten Formen wie „ils/elles“). Italiener, Spanier, Südamerikaner gelten „sowieso“ als Machos, da sollte man so etwas also gar nicht erst erwarten und die vielen anderen Nationen sind entweder rückständig oder haben derzeit noch ernstere Probleme.

 

„Fußballdamen“

 

Der Begriff „Dame“ (von lat. domina) bedeutete ursprünglich soviel wie Hausherrin und wurde im „bürgerlichen Zeitalter“ immer mehr als Gegenstück zum „Herrn“ aufgewertet. Eine Dame zu sein, war also positiv besetzt, der Begriff Domina ist es heute eher nicht. Heute ist der Begriff Dame bei uns veraltet, dafür ist es im Sport gang und gäbe, von Fußball- oder Eishockydamen zu sprechen. Irgendwie klingen solche Bezeichnungen lächerlich (umsomehr als man parallel dazu oft von „Volleyballmännern“ spricht). Im Englischen spricht man selten von sportsladies, normalerweise jedoch von sportswoman, wobei Ladies (oder Damen) auch im veralteten Sinn durchaus Pferderennsport betreiben durften, ohne das Attribut „Dame“ zu verlieren. Anstelle der Fußballdamen würde ich heute wirklich das Wort Fußballerinnen vorziehen, das ist wenigstens präzise, weil es sich um weibliche Sportlerinnen handelt, die Fußball spielen. Bei Fußballdamen weiß man nie genau, ob sie sich nicht nach dem Match damenhaft anziehen und Tee trinken gehen. Bezeichnungen wie „sports(wo)man“ für SportlerInnen habe ich im Englischen jedenfalls nie beobachtet.

Bis hierhin waren dies Haarspaltereien, wichtiger ist, darüber nachzudenken, warum gerade in Deutschland oder Österreich ein so großer Wert auf genderneutrale Formulierungen gelegt wird.

 

Rechtliche Grundlagen

 

Sucht man nach rechtlichen Grundlagen, so stammen alle Ansätze zur Definition von „Menschenrechten“ die ja als Basis für Gender Mainstreaming gelten, aus dem Humanismus und der Aufklärung. Im beginnenden Industriezeitalter trat später zum ersten Mal der Fall ein, dass Frauen eine Art selbständiger Arbeit neben ihren häuslichen Pflichten verrichten konnten (mussten). In Deutschland brauchte es noch ziemlich lange, bis dann im deutschen Grundgesetz nach dem zweiten Weltkrieg der „Gleichheitsgrundsatz“ festgeschrieben wurde und noch länger, bis sich diese Gleichheit zwischen den Geschlechtern heute in den Gehaltslisten der Firmen oder Behörden niederschlug. In Österreich ist die Gleichheit der Geschlechter zwar auch gesetzlich verankert, gleiche Arbeit wird aber bei weitem noch nicht gleich entlohnt. Hierin ist vielleicht ein Grund zu erkennen, dass die noch nicht wirklich realisierte Gleichheit zwischen Frauen und Männern im Berufsleben sich oft in Äußerlichkeiten wie z.B. im genderneutralen Sprachgebrauch besonders bemerkbar macht.

 

Anm.: es gibt eine interessante Beobachtung, dass alles was im Sprachgebrauch besonders hervorgehoben wird, entweder noch nicht, oder schon nicht mehr existiert. („Kundendienst“ gab es früher z.B. nicht – er war selbstverständlich. Heute wo man den Begriff ständig liest, ist es meist kein Kundendienst im früheren Sinne mehr, sondern eine zusätzliche, nicht unerhebliche Einnahmequelle).

 

Im sogenannten Amsterdamer Vertrag der am 1. Mai 1999 in Kraft getreten ist, wird eine erhöhte Integration von Frauen in den europäischen Arbeitsmärkten formuliert, wobei es sich bei vielen dieser Formulierungen um „soft laws“ handelt, die innerhalb der EU auch entsprechend „soft“ umgesetzt wurden und werden.

 

Neben der „gleichen Entlohnung für gleiche Arbeit“ gibt es aber noch immer ein weiteres Problem, warum Frauen etwas schwerer in die oberen Hierarchieebenen von Firmen eindringen können. In großen Firmen wird in höheren Führungsebenen ein mehr als „hundertprozentiger“ Einsatz verlangt, der bei Frauen aus familiären Gründen oder wegen einer Schwangerschaft oft fast nicht möglich ist. Viele Frauen sind trotz bester Qualifikation auch noch nicht wirklich bereit, sich so für eine Firma einzusetzen, wie dies für Männer oft (gezwungenermaßen und nicht ohne Folgen) als selbstverständlich gilt – wobei eine oft vom Ehrgeiz getriebene „Selbstaufopferung“ auch als Dummheit aufgefasst werden kann.

 

Sich an Belastungen zu gewöhnen ist nicht geschlechtsspezifisch, sondern einer Frage der Gewöhnungszeit. In den 90iger Jahren stellte man insbesondere in den Industriegroßstädten Italiens (Mailand und Turin) fest, dass bei Karriere-Frauen zunehmend Alkoholprobleme auftraten. Das ist insofern bemerkenswert, weil Italien an sich kein Land war, in welchem Alkohol (weder bei Männern noch bei Frauen) in der Vergangenheit ein besonderes Problem darstellte, jedoch zuerst bei Frauen besonders auffiel, welche der sehr raschen Veränderung der Frauenrolle in Italien nicht gewachsen waren.

 

Die Grenzen von Gender Mainstreaming

 

In den Industrieländern gibt es gewaltige Unterschiede wie mit der Genderproblematik umgegangen wird, obwohl für alle Länder im Prinzip gilt, dass die „Frau und Mutterrolle“ nicht wirklich mit der „Mann und Vaterrolle“ vergleichbar ist. Diese Rollen per definitionem als gleich zu betrachten, wäre weltfremd – die Rollen können allenfalls stark angenähert werden. Die Unterschiede in den Industrieländern beruhen wesentlich darauf, wie mit diesen etwas ungleichen Rollenverteilungen in der Praxis umgegangen wird und hier gibt es neben den rechtlich garantierten und bei den in der realen Praxis beobachteten Formen gewaltige kulturelle und soziale Unterschiede. Die Schweiz ist eines der deutschsprachigen Länder, in denen Frauen wohl am häufigsten in Spitzenpositionen (u.a. im Bankwesen) zu finden sind, allerdings lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie dies erkauft wird. Es gibt drei wesentliche Gründe: 1) das Gehaltsniveau ist in der Schweiz insgesamt relativ hoch, sodass oft Hausangestellte für Hausarbeiten bezahlbar sind. 2) Großeltern sind in überdurchschnittlichem Maße bereit, die Kinder von Karrierefrauen zu betreuen. 3) Junge Eltern der Schweiz sind aufgrund ihres relativen Wohlstandes auch überdurchschnittlich konsumorientiert und haben wenig Hemmungen ihren konsumorientierten Wohlstand auszuleben, was dann auf Kosten der Großeltern und der Kinder geht. Insbesondere Punkt 3 beginnt auch bei uns Schule zu machen. Das Ergebnis dieser neuen Lebensweise ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschätzbar.

 

In den USA ist der Prozess der Chancengleichheit von Frauen gegenüber Männern weiter fortgeschritten als bei uns, die Zahl von Spitzenmanagerinnen in Großkonzernen ist beachtlich hoch, allerdings sind die USA insgesamt so uneinheitlich, dass man sich hüten muss, dies nur auf Chancengleichheit zurückzuführen. Woman’s Studies sind an US-Universitäten seit etwa 1970 bekannt. „Discriminating sex” (ebenso wie discriminating age) sind inzwischen weitgehend gültige Prinzipien, gegen die man in den USA nicht verstoßen darf. Wie Frauen mit hohen Belastungen in Spitzenpositionen zurecht kommen ist auch in den USA Privatsache – da gibt es keinen Unterschied zu ihren männlichen Kollegen.

 

Ausblicke

 

Es wird sicher gelingen, den Grundsatz „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ in europäischen Ländern in denen es noch keine gesetzlichen Grundlagen dafür gibt, gesetzlich festzuschreiben. Bestrebungen, den Frauenanteil über „Quotenregelungen“ erhöhen zu wollen sollte man jedoch überdenken, wo solche Bestrebungen bereits angedacht, gefordert oder bereits realisiert sind. In Berufen mit mittleren Ausbildungsanforderungen mögen Quotenregelungen hilfreich sein, in hochqualifizierten Berufen sollte – unabhängig vom Geschlecht – nur die Bestqualifikation und Leistungsbereitschaft ausschlaggebend sein. Würde man hier zu Quotenregelungen greifen, könnte es dazu kommen, dass nicht nur bestqualifizierteste Frauen oder Männer eingestellt werden, weil die Einhaltung einer Quote oft zu überhasteten Entscheidungen bei Bewerbungen führt. In Ländern mit den meisten und fähigsten Spitzenmanagerinnen (u.a. England, USA, Schweiz) gibt es keine Quotenregelungen, allerdings gibt es inzwischen genügend Literatur, die darauf hinweist, dass bei erfolgreichen Spitzenmanagerinnen vieles im Leben auf der Strecke bleibt.

 

(12.10.2016)

 

 

 

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