Über Demokratie und Gleichheit – Versuch einer konstruktiven Kritik

 
Yin und Yang - ein mehrdeutig verwendeter Begriff, näheres dazu am Ende des Beitrags - gemeinfreies Bild

 

 

Begriffe wie Demokratie und Gleichheit scheinen in jeder Hinsicht anzustrebende Werte unserer Gesellschaft zu sein. Auch der Autor der „Igler Reflexe“ bekannte sich immer wieder zu diesen Werten – in letzter Zeit mehren sich die Zweifel, in wieweit diese Werte tatsächlich zukunftsweisend sind.

 

Natürlich fallen jedem der sich mit dem Thema Demokratie beschäftigt als erstes die Worte einer Rede Winston Churchills ein, die er 1947 am 11. November vor dem Unterhaus hielt:

 

„Die Demokratie ist die schlechteste Staatsform, ausgenommen all diese anderen, die man von Zeit zu Zeit ausprobiert hat“.

 

Original engl.: "No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that] democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time." - Rede vor dem Unterhaus am 11. November 1947 Sitzungsprotokoll column 207 (Zitat aus Wikipedia).

 

Churchill lieferte auch eine leider stimmige Begründung für seine Demokratiekritik:

 

„Das größte Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler.“

 

Nachdem sich die USA und die meisten Länder Europas rückhaltlos zu dieser Staatsform bekennen (andere Länder, die sich gleichfalls „demokratisch“ nennen, seien hier vorsichtshalber ausgenommen) und alle diese Länder im Großen und Ganzen einige Jahrzehnte (die USA sogar einige Jahrhunderte) damit gut gefahren sind, soll eine Kritik der Demokratie an dieser Stelle abgebrochen werden – der Autor sähe sich nicht in der Lage, Spitzfindigkeiten zu diesem Thema weiter auszuspinnen: unlösbare Probleme werden durch noch so geistreiche Spitzfindigkeiten nicht gelöst! Nur soviel: Die Frage, ob eine Auswahl der "Besten" an der Spitze des Staates den MinisterInnen aus unserem gewohnten Parteienspektrum nicht vorzuziehen wäre, ist zumindest ein Denkmodell über das es sich lohnt, nachzudenken. 

 

Das leidige Problem der Gleichheit

 

Gleichheit (s. Anm.) und Gerechtigkeit sind ein Thema, das mehr als zweitausend Jahre zurück reicht, durch die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten (1776) und durch die Ideale liberté, égalité, fraternité der Französischen Religion (1789) jedoch zu einem demokratischen Grundprinzip geworden ist. Fast alle modernen Menschen unserer westlichen Welt streben „Gleichheit“ an und verankern diese entweder in Verfassungen oder Grundgesetzen. Die wenigsten WählerInnen würden allerdings genau angeben können, was sie unter Gleichheit wirklich verstehen. An oberster Stelle würde heute wohl der Wunsch nach Gleichheit der Geschlechter und die Bildungsfreiheit genannt, weitere Idealvorstellungen sind die soziale Gleichbehandlung, die auch eine gleichwertige Krankenbehandlung einschließt, sowie die Gleichheit im Berufsleben.

 

Anm.: Absolute Gleichheit wäre ein Albtraum - wir würden jede Art von Individualität verlieren, der wir sonst so gerne nachjagen.

 

Zur Gleichbehandlung der Geschlechter

 

Die Geschlechtergleichbehandlung wird in erster Linie von Frauen angestrebt.Tatsächlich bestehen in manchen Berufen gravierende Unterschiede hinsichtlich der Vergütung für gleichwertige geleistete Arbeit. Die Unterschiede sind von Land zu Land unterschiedlich groß, in Österreich werden Frauen jedenfalls (mit Ausnahme von Beamtinnen) deutlich schlechter bezahlt als in der Schweiz. Darüber, dass gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden muss, sollte eigentlich nicht mehr diskutiert werden – diese Forderung müsste an oberster Stelle auf jeder Agenda eines Familien- oder Sozialministeriums stehen. Etwas schwieriger ist die Frage der Frauenquote oder gar die Forderung, in allen Berufen gleich viele Frauen wie Männer zu beschäftigen, zu beurteilen, weil dies mehrere Fragen aufwirft: 1). Sind Frauen tatsächlich für alle Berufe gleich geeignet? Frauen unterscheiden sich nun einmal von Männern durch geringere physische Kraft und (neben äußeren Geschlechtsmerkmalen) auch durch ein anderes Hormonverhältnis von Östrogen und Testosteron, was durchaus Unterschiede, u.a. im psychisch/emotionalen Handeln bedingt, aber gerade deswegen gelegentlich ein Vorteil sein kann! Was die physischen Kräfte betrifft, so drängen immer mehr Frauen in Schwerarbeiterberufe, wobei einige dieser Berufe durch zunehmende Automatisierung vielleicht „frauengeeigneter“ aber nicht unbedingt frauenfreundlicher geworden sind. Bei den meisten anderen Berufen kann man davon ausgehen, dass Frauen und Männer gleich geeignet sind. Wie dies in der obersten Schicht von Spitzenmanagern der freien Wirtschaft aussieht, wird später ausführlicher untersucht. 2). Irgendwann wird es zum Aufbegehren der Männer kommen – nämlich dann, wenn das Thema „Frau“ zu sehr in den Mittelpunkt der generell populistischen Politik gestellt wird. Stichhaltige Gründe zu diesem Aufbegehren der Männerwelt gibt es derzeit jedoch noch kaum, deswegen kann man diesen Punkt vorläufig auf eine Warteliste setzen

 

Zur Bildungsgleichheit und Chancengleichheit

 

Jeder kennt die endlosen Diskussionen zu Bildungsreformen. In Österreich ist diese Diskussion zur Zeit besonders aktuell, in Deutschland begannen Bildungsreformen bereits in den 80-er Jahren, wobei die Diskussion auch heute nicht verstummt ist. Tatsache ist, dass überall wo Bildungsreformen umgesetzt wurden, dies mit einer Verschlechterung des Bildungsergebnisses geendet hat. Die jetzt in Österreich beschlossene „Zentralmatura“ wird ein weiterer Baustein zum Niveauverlust der Matura (Abitur) sein. Damit der traditionell vorhandene Unterschied einzelner Gymnasien (insbesondere auch zwischen Wien und Westösterreich) nicht das Bestehen der Zentralmatura gefährdet, müssen vorher vorhandene Unterschiede vermutlich „eingeebnet“ werden, was wohl nur durch eine Nivellierung auf tieferem Niveau möglich ist.

 

Anm.: Was wir brauchten sind Maturanten/Abiturienten und StudienabsolventInnen auf höchstem Niveau. Österreich ist zur Zeit stolz darauf, mehr als 330.000 Studierende zu haben – die Zahl der Studienabbrecher ist andererseits schon jetzt erschreckend hoch und die wissenschaftliche Qualität der fertigen Hochschul-/UniversitätsabsolventInnen ist deutlich geringer als noch vor 1 bis 2 Jahrzehnten. 

 

Obwohl Bildungsgleichheit eigentlich nicht anzustreben ist (siehe später), so ist doch die „Chancengleichheit“ ein anzustrebendes Ziel. Was jede/r Einzelne aus den vorhandenen Chancen macht, bleibt letztlich jeder/jedem Einzelnen überlassen. Chancengleichheit hat sehr viel mit sozialer Gleichheit zu tun, denn die Chancengleichheit beginnt in den Kindergärten und mit den finanziellen Möglichkeiten des Staates, jedem Kind (auch mit fremdsprachigem Hintergrund) einen guten und bezahlbaren Kindergartenplatz zur Verfügung zu stellen.

 

Wie steht es allgemein mit dem Gleichheitsbegriff?

 

Spätestens an dieser Stelle muss der Gleichheitsbegriff etwas eingeschränkt werden, weil er sowohl die Begriffe „Identitität“ als auch „Ähnlichkeit“ umfasst.

Eine absolute Identität kann aus verständlichen Gründen bei Menschen nicht bestehen und sollte im politischen und sozialen Gefüge eines Landes daher gar nicht angestrebt werden. Doch auch der Ähnlichkeitsbegriff ist noch zu oberfächlich: Ähnlichkeit hinsichtlich Qualität oder Quantität?

 

In der Praxis kann in einer Gesellschaft beim Thema „Gleichheit“ allenfalls Ähnlichkeit angestrebt werden. Das gilt im Bildungswesen ebenso wie im Berufsleben oder anderen Bereichen eines modernen Staates. Daher sollte das Anstreben von immer mehr Studenten und Hochschulabsolventen kein „oberstes Ziel“ sein, weil gutausgebildete Facharbeiter und in Pflegeberufen Beschäftigte ebenso wichtig wie „Akademiker“ sind. Auch für Behinderte ist der „Ähnlichkeitsbegriff“ angebracht – nicht alle Berufe sind für Behinderte geeignet, es gibt jedoch unzählige Berufe, in denen ausgebildete Behinderte ähnlich geeignet sind, wie nichtbehinderte Arbeitskräfte.

 

Frauen in Politik und Wirtschaft

 

In der Politik gibt es genügend Beispiele, dass Frauen (nicht jede) sehr gute Politikerinnen sein können und Männern ebenbürtig oder sogar überlegen sind.

 

In der freien Wirtschaft gilt dies mit Einschränkungen: in mittleren und oberen Führungsebenen gibt es wohl keine Einschränkungen, außer dass der Autor dieses Beitrags im Berufsleben die Erfahrung gemacht hat, dass in Abteilungen mit überwiegend ausländischen männlichen Facharbeitern, Frauen als „Chef“ nicht akzeptiert werden und dass Abteilungen mit überwiegend weiblichem Personal einen männlichen Chef einer "Chefin" oft vorziehen. Hier per Dekret Frauen als Betriebs- oder Abteilungsleiterinnen einzusetzen wäre wenig sinnvoll, obwohl dies nicht mangelnden Fähigkeiten weiblicher Führungskräfte anzulasten ist – es handelt sich dabei um noch bestehende „Gegebenheiten“ bei denen es auch Ausnahmen gibt.

 

Etwas problematischer ist die Besetzung der obersten Führungsebenen (Geschäftsführung/ Vorstand) mit Frauen. Einerseits ist erwiesen, dass Männer keinesfalls immer Idealbesetzungen sind und andererseits, dass es äußerst fähige Frauen in den höchsten Hierarchieebenen gibt. Erwiesen ist auch, dass in diesen Ebenen eine gewisse Aggressivität und Risikobereitschaft erforderlich ist. Es ist schwer zu beurteilen, ob Frauen in den angesprochenen Führungsebenen nicht besonders viele männliche Charaktermerkmale aufweisen und deshalb reussieren, weil sie keine besonders "weibliche" Frauen sind.

 

Das Yin Yang Bild als Eingangsgrafik dieses Beitrag wurde deswegen gewählt, weil die alten chinesischen Yin Yang Symbole für polar einander entgegengesetzte, jedoch aufeinander bezogene Kräfte stehen, aber auch mit folgenden Attributen verbunden sind:

 

Das weiße Yang: hell, hart, weiß, heiß, männlich, Aktivität

Das schwarze Yin: dunkel, weich, kalt, weiblich, Ruhe

 

Ob diese chinesischen, dem Daoismus entstammenden Zuordnungen auch heute noch Gültigkeit besitzen, müssen die Leserinnen und Leser dieses Beitrags für sich selbst entscheiden – der Autor stimmt ihnen mit geringen Einschränkungen zu. Die Begriffe allein auf die Bedeutung von „männlich“ und „weiblich“ zu beschränken, würde der ursprünglichen Verwendung in der chinesischen Philosophie jedoch nicht gerecht – sie gelten ganz allgemein auch für Polaritäten und deren Wandel.

 

(28.12.2014)

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