„The Modern Way of Life“ – eine zeitgemäße Form des Nihilismus

 
Wo geht's hier zum "Modern Way of Life?" - © Alfred Rhomberg

 

 

Von jeher ist der Mensch auf Sinnsuche – unser Sein ist offenbar so konzipiert, dass wir oft viele Umwege einschlagen, um irgend einen Sinn für unsere Existenz zu finden. Die einen versuchen es mit der Religion, andere mit Hilfe philosophischer Gedankengebäude – es nützt nichts, offenbar muss jeder seinen eigenen Weg finden. Dazu drei Zitate, von denen die beiden ersten im philosophischen Sinne zweifellos nihilistisch sind. Beide Zitate sagen ungefähr das gleiche aus, obwohl sie sprachlich so verschieden sind:

 

„Der Mensch ist ein Sein, das nicht das ist, was es ist, und das das ist, was es nicht ist”. (Jean Paul Sartre – Existenzialphilosoph)

 

und

 

“Everything is nothing.“ (Andy Warhol: Künstler)

 

Fast lässt sich behaupten, dass Warhol, obwohl – oder gerade weil er kein Philosoph war, die elegantere Version einer Definition des Nihilismus prägte.

 

Ganz anders das dritte Zitat des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard:

„Alles erscheint lächerlich, wenn man an den Tod denkt.“

 

Bernhard stellt die Existenz nicht in Frage – im Gegenteil, aber auch dieses Zitat klingt nicht besonders fröhlich und schon gar nicht hoffnungsvoll – doch wo steht geschrieben, dass unsere Existenz „fröhlich“ sein muss.

 

Der Philosoph Sir Karl Popper (1902-1994) bestreitet die völlige Sinnlosigkeit des Lebens, da er meint, man könne den Sinn des Lebens selbst schaffen, so dass nur Teile des Lebens sinnlos blieben, bezeichnet sich aber selbst als Agnostiker(1). Er äußerte stets Respekt vor den moralischen Lehren sowohl der christlichen, als auch der jüdischen Religion und hegte eine deutliche Sympathie zum Humanismus.

 

Nihilismus ist ein undeutlicher Begriff, der viele berühmte Philosophen magisch angezogen hat. Philosophisch wird der vom „Nichts“ abgeleitete Begriff des Nihilismus verschiedenartig interpretiert, so unterscheidet man u.a. das absolute (negative) Nichts, das sowohl die Wirklichkeit und deren Möglichkeit leugnet und das relative („positive“) Nichts, das immerhin auch den Satz erlaubt, dass Gott die Welt aus dem Nichts erschaffen hat. Es soll hier jedoch nicht näher auf die Varianten der Existenzphilosophie eingegangen werden, nachdem eine wachsende Zahl von Menschen einer neuen Form des Nihilismus verfallen ist, die das mühsame Denken über Sinnfragen ganz erspart:

 

„The Modern Way of Life“

 

Im „Modern Way of Life“ haben derart komplizierte Gedanken einfach keinen Platz mehr. Frau/man lebt – und weil frau/man lebt, soll dieses Leben ohne viel darüber nachzudenken, so angenehm wie möglich sein und einfach nur „konsumiert“ werden. Eigene Kinder passen z.B. nicht in dieses Konzept, ebenso wenig wie partnerschaftliche Dauerbeziehungen bei denen Verantwortung übernommen werden müsste. Kinder kosten erstens Geld, zweitens muss frau/man sich um sie kümmern und drittens geraten nicht alle Kinder so, dass sie nur Glück bereiten. Auf jeden Fall ist bewusste Kinderlosigkeit ein Kennzeichen dafür, dass der Begriff „Hoffnung“ abhanden gekommen ist. Ist das was übrig bleibt dann kein Leben, wenn doch zweifellos ein „Sein“ vorhanden ist? An dieser Stelle sollten wir nicht in den Fehler verfallen, allzu tief in die Ontologie (Lehre vom Sein) einzudringen, wir sollten auch den vorsokratikischen Philosophen Parmenides (Denken und Sein ist dasselbe) überspringen. Würden wir nur diese Sicht akzeptieren (Literaturtexte von und über Parmenides sind spärlich und bedürfen der Deutung), so wäre auch Parmenides bereits ein Vertreter des Nihilismus gewesen, weil im Augenblick des Todes das „Sein“ dem Nichts verfiele.

 

Die wachsende Zahl der Kirchenaustritte, die Flucht in neue Lebensformen, der rege Zuspruch zu esoterischen Formen der Lebensgestaltung und nicht zuletzt der bequeme Agnostizismus werfen Fragen auf, die eigentlich das zentrale Thema aller christlichen Kirchen sein sollten! Es gäbe viele Themen, bei denen ein wahrhaftiger (nicht vorgetäuschter) Dialog zwischen der Kirche, der Philosophie und den Naturwissenschaften heute dringend erforderlich wäre (Gentechnologie, Stammzellenforschung, aber auch sozialphilosophische Probleme des modernen Lebens fordern den Dialog bzw. eine unserer Zeit angepasste Wertediskussion geradezu heraus. „The modern Way of Life” stellt weder Fragen, noch versuchen die Anhänger dieser Lebensweise Fragen zu beantworten. Sie verhalten sich wie Geschöpfe, die theoretisch über ein Gehirn verfügen, es jedoch möglichst nicht gebrauchen, weil dies das Leben nur erschwert.

 

Ich halte es mit Karl Popper (nicht in allen Dingen - so bin ich z.B. kein Agnostiker) und glaube, dass sich jede/r ihren/seinen Sinn selbst schaffen muss – dabei ist es ziemlich gleichgültig, wie uns dies über Um- und Irrwege gelingt – nur eines ist sicher:

 

„The modern Way of Life“ beinhaltet keine Zufahrtsstraßen für Sinnfragen.

 

(29.9.2014, redigierte Fassung aus .2012)

 

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(1) Die Frage “Gibt es einen Gott?” wird vom Agnostizismus mit “es ist nicht bekannt”, “es ist nicht beantwortbar” oder “es spielt keinerlei Rolle” beantwortet, der Agnostizismus schließt jedoch die Existenz eines Schöpfers nicht grundsätzlich aus. Auch wenn es sich beim Agnostizismus um eine noch relativ junge Weltanschauung des 19. Jahrhunderts handelt, findet man doch wesentlich ältere Formen dieser Weltsicht. So gibt es beispielsweise bei Laotse (6. Jahrh. v. Chr.), bei den Sophisten (Protagoras, 5. Jahrh. v. Chr. und im Buddhismus (der bekanntlich sehr unterschiedliche Formen aufweist) geistige Elemente, die durchaus mit dem Agnostizismus verwandt sind.

 

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