"Der kleine Prinz" im Spannungsfeld von Ökonomie und Politik

 

 

zwischen zwei Objekten (c) Alfred Rhomberg

 

 

Auf dem sechsten Planeten besuchte der kleine Prinz den Geographen. Der kleine Prinz erfuhr, dass der Geograph viel zu wichtig sei, um herumzustreunen. Aber er empfängt die Forscher. Er befragt sie und schreibt sich seine Eindrücke auf…. und eine weitere Frage des kleinen Prinzen: „Geht man nachsehen?“ – „Nein das wäre viel zu umständlich. Aber man verlangt vom Forscher, dass er Beweise liefert…“ (Antoine de Saint Exupéry)

 

Genau dies ist in unseren modernen Wissenschaften zum Problem geworden. Was gilt als Beweis für die Richtigkeit einer Theorie oder Hypothese und was ist es wert, aufgeschrieben bzw. publiziert zu werden? Zum Glück gibt es den “Geographen” nur noch in Ausnahmefällen, der darüber entscheidet was wichtig ist publiziert zu werden – publizieren kann frau/man heute alles. Die Forschung ist dadurch freier geworden – doch wie wirkt sich diese Freiheit aus? Zunächst einmal führt sie zu einer Zunahme der Forschungskosten, zum Überfließen der Bücherregale und immer umfangreicheren Datenbanken, ohne die Forschungsergebnisse nicht mehr verwaltet d.h. wiedergefunden werden können. Zu Beginn meines Studiums (1954) bestanden die „Chemical Abstracts“, in denen lediglich die Literaturstellen für Publikationen neuer chemischer Substanzen enthalten sind, aus zwei bis drei Bänden pro Jahr. 1994 (das Jahr als ich die chemische Industrie verließ) füllte ein Jahrgang dieser Sekundärliteratur bereits eine Bücherregalwand. Ähnlich ist der Zuwachs der Wissensflut in allen anderen Wissenschaften. Heute gibt es die Chemical Abstracts nur noch als Datenbank und auch in der Primärliteratur würde man sich ohne Datenbanken nicht mehr zurechtfinden. Die Speichermedien werden ständig weiter miniaturisiert und das Problem der Wissensflut vorerst ad acta gelegt, gelöst wird es dadurch nicht, denn Speichermedien sind geduldig und nicht resistent gegenüber Pseudoinformationen, die infolge der wachsenden Kritiklosigkeit unserer Zeit ebenfalls ständig zunehmen.

 

Auch etwas anderes hat sich geändert. Zu Beginn meines Studiums hatte die „akademische“, also nicht zweckgebundene Forschung absoluten Vorrang gegenüber Forschungsthemen, die „nur“ praktischen Nutzen aufwiesen. Mein „Doktorvater“, der sich der Erforschung neuer Antibiotika – noch dazu in Zusammenarbeit mit einem Pharmakonzern – widmete, wurde aus diesem Grunde gelegentlich angefeindet, obwohl er seine Doktoranden in vorbildlicher Weise zu analytisch-abstraktem Denken erzog. Keiner seiner Doktoranden hat diese anwendungsnahe Forschung bereut und offenbar war die genossene akademische Ausbildung trotz Anwendungsnähe so gut, dass ca. 80 Prozent seiner Schüler die Karriereleiter in die oberen Ränge der Industrie- und Hochschulforschung erklimmen konnten. Heute verschwimmen – zumindest in den Naturwissenschaften und in den Biowissenschaften – die Grenzen zwischen „akademischer“ und „anwendungsnaher“ Forschung allmählich. Das ist sinnvoll, weil es genügend Probleme gibt, die zur Erhaltung unseres Lebens und unserer Umwelt dringend gelöst werden müssten, zudem haben sich die Forschungskosten in einem Maße erhöht, dass sie nicht grundsätzlich dem Staat, bzw. den Steuergeldern der Bürger aufgebürdet werden dürfen. L`art pour l`art Projekte können wir uns im naturwissenschaftlichen Bereich der Forschung immer weniger leisten, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Darf man also nur das beforschen, mit dem Gewinne erwirtschaftet werden können? Wenn man die Reinheit des Elfenbeinturms verlässt, tritt in vielen Ländern Europas ein noch ungewohntes Problem auf: anwendungsnahe Forschung ist immer auch industrienahe Forschung. Daran müssen wir uns im Gegensatz zu den USA erst gewöhnen, wir müssen von den amerikanischen Spitzenuniversitäten lernen, wie Forschungsprojekte finanziert und deren Ergebnisse rechtlich geschützt und verwertet werden können. Während meiner Industrietätigkeit hatte ich zahlreiche Kontakte zu Spitzenuniversitäten der USA um wissenschaftliche Kooperationen einzuleiten. Während die Anfangskontakte zunächst mit Wissenschaftlern geknüpft wurden, durften alle weiteren Verhandlungen dann ausschließlich mit den universitätseigenen Rechtsabteilungen (einem „Lawyer“) geführt werden. Bei den meisten deutschen oder österreichischen Universitäten sucht man derzeit noch vergebens nach solchen Einrichtungen. Oft fehlen auch Marketing- und kaufmännische Abteilungen, um die vorhandenen Budgetmittel unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu verwalten. Die Stanford University legt ihre Forschungsbudgets von ca. 2 – 3 Milliarden Dollar besser an als die meisten Investmentgesellschaften. Man mag einwenden, dass US-Universitäten zum Großteil privat finanziert werden und auf das „financial controlling“ schon aus diesem Grund nicht verzichtet werden kann, eine professionelle Verwaltung der Geldmittel ist in den USA jedoch auch bei staatlichen Universitäten selbstverständlich (es gibt zahlreiche staatliche Top-Universitäten, u.a. die University of California – Berkely oder die University of Michigan, die ein professionelles Finanzmanagement haben). Grundsätzlich besteht nirgends ein Recht darauf, mit Steuermitteln weniger pfleglich umzugehen als mit Privatgeldern.

 

Die Abhängigkeit von staatlichen Geldmitteln und damit von der Politik, die diese Mittel zur Verfügung stellt, ist in den meisten Ländern Europas selbstverständlich, birgt jedoch auch Gefahren. Die Verteilung von Bundesforschungsmitteln, z.B. für die Förderung von Projekten auf dem Gebiet der Energietechnik, Umwelttechnologie oder Reaktorsicherheit ist vom Ansatz her richtig, weil dadurch sinnvolle „zweckgebundene“ Forschung gefördert wird. Man muss sich aber auch darüber im Klaren sein, dass Forschung dadurch von gesellschaftspolitischen Strömungen abhängig wird, sodass z.B. Forschungsthemen auf dem Gebiet der Gentechnologie in Deutschland oder Österreich infolge der derzeit beobachteten öffentlichen Aversion gegen diese Technik geringere Chancen auf besondere Förderung durch den Staat haben. Man unterwirft sich also automatisch wieder dem eingangs erwähnten „Geographen auf dem sechsten Planet“, der bestimmt was „aufgeschrieben“ wird bzw. welche Beweise es wert sind, anerkannt zu werden.

 

Forschung schließt von jeher die Möglichkeit des Missbrauchs nicht aus. Diese Möglichkeit hat gegenüber früher eine Dimension angenommen, die es immer schwerer macht, „richtige“ Entscheidungen zu treffen. Ist morgen noch richtig, was uns heute als richtig erscheint? Weder der „Geograph“ noch die „Forscher des sechsten Planeten“ könnten dem kleinen Prinzen eine Antwort darauf geben, was aufschreibenswert oder vergänglich ist. Leider stimmt auch die Antwort, die der kleine Prinz auf dem siebten Planeten, unsere Erde, erhält: „was wichtig ist, sieht man nicht…“ (man müsste ergänzen: zumindest nicht unmittelbar) – umso mehr müssen wir uns bemühen, wenigstens die erkennbar gröbsten Fehler zu vermeiden. Das ist deswegen so schwierig, weil diese neue Problematik unsere Gesellschaft als ganzheitliches System betrifft, die notwendigen Entscheidungen jedoch nicht durch demokratische Abstimmungen oder Volksbefragungen getroffen werden können und auch nicht getroffen werden dürften. Wieviel Prozent der Bevölkerung können darüber entscheiden, welche Vorteile oder Nachteile Gentechnologie oder Stammzellenforschung haben? - siehe Anmerkung am Schluss des Beitrags)? Trüge es nicht zur Milderung des Hungers in der dritten Welt bei, wenn man Heuschrecken so manipulierte, dass es zu keiner Hungersnot mehr in den betroffenen Teilen unserer Erde kommt? Oder würde sich nicht jeder wünschen, das menschliche Immunsystem so zu manipulieren, dass Krebs oder HIV keine Chancen mehr hätten? Sich an ideologischen Systemen oder emotionellen Befindlichkeiten der jeweiligen Zeit zu orientieren ist kein Weg, um unsere komplizierte Zukunft zu meistern.

 

(Erstpublikation 2009, redigiert 2016)

 

Anmerkung 17.12.2016: Hinsichtlich der Genforschung haben sich die Sichtweisen im medizinischen Bereich zugunsten von Forschungsgebieten wie Immunologie, Krebsforschung oder HIV sowohl in Deutschland, als auch in Österreich inzwischen positiv verändert, bei genmanipulierten Nahrungsmitteln bestehen jedoch weiterhin starke Ressentiments, obwohl diese in vielen Fällen m.E. besonders in Anbetracht der Hungersituation in Ländern der "Dritten Welt" nicht mehr gerechtfertigt sind. Bei der sogenannten "Grünen Gentechnik" müssten eben längere Prüfzeiten als bei klassischen medizischen Medikamenten in Kauf genommen werden.

 

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