Fünf (beinahe) gefährliche Gedichte

 


Abstrakt X - © Alfred Rhomberg

 

Nachtspaziergang

 

Nachtspaziergänge unterscheiden sich definitionsgemäß von Tageswanderungen.

Menschen werden zu Gestalten – auch ich werde zur Gestalt.

Gestalten haftet immer etwas Gefährliches an

also werde auch ich plötzlich gefährlich – nicht für mich,

oder doch?

Ich weiß das erst, wenn ich gut wieder zu Hause angekommen bin.

Vorläufig weichen die anderen Gestalten mir aus, so wie ich ihnen ausweiche.

Bald sehe ich keine Gestalten mehr und bin allein.

Ich dachte nicht, dass gerade dies die eigentliche Gefahr ist.

 

 

Auf der hohen Brücke

 

Ich stand am Rande einer hohen Brücke

ich wollte mich nicht hinunterstürzen,

dazu war mir der Abgrund zu tief,

außerdem wollte ich mich da unten nicht liegen sehen,

es gibt lohnendere Anblicke!

 

 

Auf hoher See

 

Das kann mir nicht passieren

ich würde seekrank -

da bleibe ich lieber in den Tiroler Bergen,

obwohl auch diese nicht ungefährlich sind

vorausgesetzt man besteigt sie,

was ich nicht beabsichtige -

ich bin nicht schwindelfrei.

Norddeutschland wäre zu erwägen

aber dort gibt es zu viele Windmühlen

und ich bin nicht romantisch.

 

 

Tageswanderung

 

Ich mache einen Mittelgebirgsspaziergang

da kann mir nichts passieren

ich habe ja mein Smartphone dabei,

gespickt mit vielen apps

ich kann also jederzeit die Börsendaten abrufen

oder die Wahlspekulationen der übernächsten Wahlen

und – besonders wichtig, meinen augenblicklichen Standort –

den hatte ich fast vergessen –

wegen der vielen apps.

 

 

Auf einer Bank

 

Nicht was Sie meinen – also jene Geldinstitute

die heute berüchtigt sind -

nein - auf einer ganz normalen Bank

zum Ausruhen während meines Mittelgebirgsspaziergangs

da schreibe ich Gedichte -

auch nicht ganz ungefährlich -

jedoch nicht so gefährlich,

dass ich mir ernste Vorwürfe mache.

 

 

(22.9.2013)  

 

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