Pausengespräch im Foyer

 

 

Pausengespräch im Foyer - (c) Alfred Rhomberg

 

 

In Konzertpausen wird die Sekt-Bar belagert, um sich vom ersten Teil eines Konzerts zu erholen -  ein Glas Sekt erleichtert dabei auch ernste Gespräche.

 

Hallo, liebe Kollegin – zieht es Sie auch wieder einmal zur zeitgenössischen Musik?

 

Sie sagen das mit einem …hm…so geringschätzigen Unterton – ich liebe zeitgenössische Musik, nur nicht jeden Tag. In gewissem Sinn erweitert diese Musik aber ungemein den Bedeutungshorizont.

 

Das haben Sie trefflich formuliert – erlauben Sie, dass ich das Wort „Bedeutungshorizont“ in meiner morgigen Musikkritik verwende?

 

Ich würde mich geschmeichelt fühlen – aber Sie treffen ja ohnedies immer die richtigen Worte – ich erinnere mich noch, wie Sie einmal schrieben, die neue Musik sei ein musikalischer Wiederaufbau! Wie hat Ihnen übrigens heute die 27-sätzige Sonate „Fis“ gefallen?

 

Ich fand die Idee mit Einschränkungen großartig – in keinem der 27 Sätze ein einziges Fis – so etwas steigert die Erwartungshaltung zum Zerspringen, obwohl in einigen Sätzen doch eine gewisse kompositorische Redundanz der eigentlichen Idee zu spüren war – und dann: nach dem 26. Satz endlich die große Überraschung: wieder kein Fis – dafür ein Satz in H-Dur – also der Subdominante von Fis Dur und wieder ohne jegliches Fis ! Das war raffiniert!

 

Jetzt, wo es sagen, ist es mir auch aufgefallen!

 

Sie verstehen jetzt, was ich mit „Wiederaufbau der Musik“ in einer meiner Kritiken meinte: das Weglassen kompositorischer Absichten ist ein Stilmittel, die Gesamtidee dadurch deutlicher zu machen. Hätte Haydn in seiner „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ den Paukenschlag weggelassen, wäre er vielleicht noch berühmter geworden. Und denken Sie im Gegensatz dazu an das Klavierstück Tacet(1) von John Cage, der einen berühmten Pianisten in allen drei Sätzen nicht einen einzigen Ton anzuspielen erlaubte – er durfte nur den Klavierdeckel öffnen und nach jedem Satz wieder schließen! Und da schrieben irgendwelche schwachköpfigen Kritiker, sie hätten nichts gehört! Im Weglassen von Tönen liegt doch die eigentliche Tonkunst! Tastenlöwen wie Franz Liszt oder Violinartisten wie Paganini haben im Grunde nur die Sensationsgier eines Halbbildungsbürgertums befriedigt. Denken Sie ferner an den „Großmeister“ der inzwischen auch schon wieder "alten" Musik Arnold Schönberg, der das Publikum mit der ständigen Abarbeitung seiner 12 Töne langweilte!

 

Da haben Sie völlig recht, die derzeitige Überfütterung mit Schönberg, Alban Berg oder Stockhausen ist auf die Dauer tatsächlich langweilig. Ich bin froh, dass wir nicht mehr im 20-igsten Jahrhundert leben und jetzt für alles offen sind – wie es John Cage bereits am Ende des 20-igsten Jahrhunderts schon angedeutet hat:  Cage schrieb z.B. einmal – ich erinnere mich fast wörtlich und außerdem ist es in Wikipedia nachlesbar:

 

Die Musik, die ich komponierte, folgte einer mathematischen Methode, an die ich mich nicht mehr erinnere. Sie kam mir selbst nicht wie Musik vor, also ließ ich sie, als ich Mallorca verließ, zurück, um mein Gepäck nicht zu beschweren. An einer Straßenecke in Sevilla bemerkte ich die Vielfalt simultaner visueller und hörbarer Ereignisse, die im eigenen Erleben alle zusammenliefen und Lust und Freude hervorriefen. Das war für mich der Beginn von Theater und Zirkus.

 

Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Teil des heutigen Abends!

 

In der Kritik wurde das Konzert wie folgt gewürdigt:

 

Im ersten Teil des Abends gab einige Überlängen, denen ein gewisses Raffinement nicht abgesprochen werden kann – das 27-sätzige Werk, vom Komponisten „Fis“ genannt, hätte den gleichen genialen Effekt im Schlusssatz gehabt, wenn das Werk um 14 bis 17 Sätze wegen sich wiederholender kompositorischer Ideen wie sie in Kompositionen der vergangenen Jahrhunderte üblich waren, gekürzt worden wäre. Der zweite Teil des Abends bot hingegen die eigentliche Überraschung. Der Komponist verwendete 97 Minuten lang nur zwei Töne: A und ein nicht temperiertes Ais in genau definierten Abfolgen von 10 Minuten, wobei der Überraschungseffekt im letzten, nur siebenminütigen Anklingen des nicht temperierten Ais das Publikum begeisterte. Für Kenner, die zwischen einem Ais, also dem um einen halben Ton erhöhten A, von einem B (das um einen halben Ton erniedrigte H) unterscheiden können, wurde auch die Länge der Komposition von 97 Minuten zum uneingeschränkten Genuss des Abends. Musik dieser Art erweitert den Bedeutungshorizont.

 


(1) Berühmt wurde Cages Stück 4’33”, das am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall in Woodstock, New York Berühmt wurde Cages Stück 4’33”, das am 29. August 1952 in der Maverick Concert Hall in Woodstock, New York uraufgeführt wurde. Angeregt wurde er zu dem Stück von Robert Rauschenbergs „White Paintings”. Es besteht aus drei Sätzen mit der Anweisung Tacet, d.h. es werden keine Töne erzeugt. In der Uraufführung zeigte der Pianist David Tudor die drei Sätze durch Schließen und Öffnen des Klavierdeckels an. Laut Partitur ist die Dauer des Stückes frei wählbar und der Titel soll diesen Wert in Minuten und Sekunden genau angeben. Obwohl also streng genommen der Titel je nach gewählter Dauer variieren kann, hat sich die Bezeichnung 4’33” durchgesetzt, der Wert der Uraufführung. (Zitat aus der Wikipedia-Enyklopedie)

 

(Version 11.6.2013)

 

 

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