Nah und doch entfernt – zwei Museen in Bozen und Gedanken zu zeitgenössischer Kunst

 

Ein nachdenklicher Autor im Museion - © Foto Klara Rhomberg

 

 

Nach längerer Zeit hatte ich wieder einmal Bozen und Meran besucht. Während der Schul- und Studienzeit in Innsbruck, waren Südtirolbesuche und Bergwanderungen in dieser herrlichen Landschaft meist von Bozen ausgehend, selbstverständlich. Auch während meines 30 jährigen Auslandsaufenthaltes hatte ich mit meiner Familie fast jährliche Südtirolaufenthalte mit Bergwanderungen eingeplant und als Standquartier stets Bozen gewählt – es ist angenehm, nach einer Bergwanderung in eine urbane Umgebung zurückzukehren.

 

Jetzt war es wieder einmal Zeit, Bozen (und Meran) zu besuchen – diesmal nicht zum Wandern, sondern um „scheinbare“ Kleinigkeiten kennen zu lernen, die ich früher nie besucht hatte oder die es noch nicht gab.

 

Beide Städte, Bozen und Meran, konnten dem Zeitgeist des schlechten Mainstreamgeschmacks leider nicht entrinnen – der italienische Design-Geschmack mildert zumindest in Bozen vieles. Der Waltherplatz und die ehemals berühmten Lauben in der Laubengasse können nicht mehr überzeugen. Es gibt aber noch immer Oasen, die mich an das frühere Bozen erinnern (Silbergasse, Obstmarkt, Goethe Straße etc.) Die herrliche Berglandschaft mit ihren Dörfern und Weingärten entschädigt für vieles.

 

Schlimmer ist es - fand ich - um Meran bestellt, das ich vor 50 Jahren zum letzten Mal besuchte. Die laut Internetseiten längsten „Lauben“ Tirols sind eine Meile von Geschäften und Boutiquen wie man sie überall findet und ohne italienischen Charme, der sonst selbst in kleineren Städten wie Brixen positiv auffällt. Der ehemals besondere Reiz der vielen Meraner Jugenstil-Villen wird immer wieder durch hässliche Neubauten unterbrochen. Aber das ist nicht das Thema dieses Beitrags – uns interessierten zwar auch Erinnerungen an frühere Bozenaufenthalte, besonders jedoch zwei Museen in Bozen, die wir noch nicht kannten.

 

Das Stadtmuseum Bozen 

 

Bozner Stadtmuseum - © homepage www.bolzano.net(1)
Masken - © Foto Alfred Rhomberg

 

Das Stadtmuseum Bozen befindet sich im Zentrum der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen in der Sparkassenstraße 14 und existiert seit 1905. Es wurde mehrmals umgebaut und befindet sich auch heute in einer länger andauernden Bauphase, sodass nicht alles zu besichtigen ist. Das was derzeit zugänglich ist, übersteigt alles was man sich erwartete. Im Souterrain findet man Tiroler Masken, die sich so völlig von den gewohnten Faschingsmasken unterscheiden, wie sie z.B. im Innsbrucker Volkskunstmuseum ausgestellt sind. Nicht nur dass die auf Metall bemalten Masken, anders als die üblichen Tiroler Faschingsmasken, lebensnahe Gesichter darstellen (siehe Abbildung), sie werden auch ausstellungsdidaktisch äußerst reizvoll präsentiert. Im zweiten Stock findet man herrliche alte Skulpturen, Bilder, Flügelaltäre und alte Wandfreskenteile zu denen es kostenlose bebilderte Druckseiten mit Beschreibungen in jedem Stockwerk zum Mitnehmen gibt, sodass es keines Ausstellungskataloges bedarf. Weitere Stockwerke sind noch nicht fertiggestellt, im obersten Stock findet man Kupfer- und Stahlstiche von Bozen und Umgebung und es lohnt sich die steilen Stiegen zum Turm des Gebäudes hinaufzusteigen, wo sich durch die Fenster ein herrlicher Blick auf die unmittelbare Bergwelt bietet in die Bozen eingebettet ist (Oberbozen, Jenesien, Kohlern). Man darf auf die weiteren baulichen Entwicklungen des Museums gespannt sein.

 

Anm.: Zur Geschichte des Museums ein Zitat aus der Homepage (2):

Seit der Gründung 1882 war der Verein, getragen vom gebildeten Bürgertum der Stadt, die treibende Kraft für die Errichtung eines Museums in Bozen, 23 Jahre später konnte er es am heutigen Standort eröffnen. Mit einer eigenen musealen Sammlung wollte man, wie es 1892 formuliert wurde, "der grenzenlos überhandnehmenden Verschleppung einheimischer Kunstwerke und Denkwürdigkeiten entgegentreten" (Ende des Zitates).

 

Seit 1933 werden die Sammlungen von der Stadt Bozen verwaltet. Der Eintritt zum Museum ist frei, es darf überall fotografiert werden.

 

Das Museion Bozen – Museum für moderne und zeitgenössische Kunst

 

Museion (Bozen), Blick von der Talfer - © Wikipedia, Autor TH. Korr, own work, Date 20100907

Das Museion wurde 1987 von einem privaten Verein mit Unterstützung der Autonomen Provinz Bozen zunächst mit regionaler Kunstausrichtung der bildenden Kunst im Raum Ala bis Kufstein (dem historischen Tirol ab 1900) gegründet, entwickelte sich jedoch allmählich zu einem Museum für moderne Kunst. 2008 wurde das neue und überaus eindrucksvolle neue Museum (nach dem bereits 2000 preisgekrönten Modell des Berliner Architekturbüro KSV Krüger, Schuberth und Vandreike) direkt an der Talfer errichtet und bietet durch Glasfenster eine herrliche Landschaftssicht, insbesondere auch auf zwei (eigentlich 3) Brücken über die Talfer, von denen zwei mit elegantem Schwung fast in das Museion bzw. in die dem Museion vorgelagerte Wiesenfläche mit Sitzbänken einzumünden scheinen.

 

Das metallummantelte Gebäude ist ein Kubus von 54 Metern Länge, 25 Meter Höhe und einer Breite von 23 Metern mit Glasfassaden, die Glasfenster aufweisen und es ermöglichen, zeitgenössische Medienkunst in ungewöhnlicher Form zu präsentieren. Besonders raffiniert ist die im Bild erkenntliche oberste Schräge, die aus verstellbaren Querlamellen besteht und durch die abends auch von innen angestrahlt, Bilddokumente bzw. Medienkunst nach außen sichtbar gemacht werden kann. Das Gebäude hat fließende Übergänge und die einzelnen Teilbereiche des Museums (Ausstellungsräume, Veranstaltungssaal, didaktische Labors etc.) sind nicht streng getrennt. Ziel des Museums ist es, nicht nur Präsentationsraum, sondern auch ein Ort zu sein, an welchem KünstlerInnen artistisch tätig sein können.

 

Anm.: Die Exponate dürfen nicht fotografiert werden.

 

Soweit die Theorie – und wie sieht die Zukunft des neuen Museion aus?

 

Seit der Eröffnung hatte es einige (wenige) Wanderausstellungen renommierter KünstlerInnen gegeben – über Werke der hauseigenen Sammlung, die es laut Beschreibung gibt, ließ sich nichts erfahren.

 

Zur Zeit meines Besuches waren gerade einmal vier bis fünf weitere Besucher anwesend, die sich in jedem Stockwerk wiedertrafen – es ist nicht anzunehmen, dass es an anderen Tagen einen Besucherandrang gibt. Bozen ist keine Kunststadt im heutigen Sinne, TouristInnen fahren nach Bozen zum Einkaufen oder um Bergwanderungen zu machen – daran wird sich auch durch das schöne, jedoch „überdimensionierte“ Museion in näherer Zukunft nichts ändern.

 

Derzeit (23.11.2013 - 05.10.2014) ist die Ausstellung „When Now is Minimal - Die unbekannte Seite der Sammlung Goetz" (als Kooperation des Neuen Museums in Nürnberg und Museion Bozen) zu sehen. Die Ausstellung steht unter dem thematischen Aspekt der Auseinandersetzung mit dem Gesamtphänomen Minimalismus. 

 

Gedanken zur zeitgenössischen Kunst

 

Es kann nicht ausbleiben, dass der Autor (der zeitgenössischen Kunst durchaus zugetan), sich nach einem solchen Museumsbesuch Gedanken über die Ausstellung im Besonderen und zur zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen macht.

 

Zur Ausstellung im Besonderen: Trotz Vertretern einiger namhafter Künstler haben aus meiner subjektiven Sicht nur wenige Exponate überzeugt und es ist mir auch völlig unverständlich, dass in einer Sammlung (Goetz) gleich mehrere Werke von „minimalem“ Kunstwert angekauft bzw. gesammelt werden. Am ehesten hat mir die Raumkonzeption von Gerwald Rockenschraub, Neues Museum Nürnberg („in situ“ entstanden) gefallen, wie überhaupt manche Werke erst im Kontext zu anderen geschickt präsentierten Arbeiten zur Wirkung kommen.

 

Im Ausstellungsbegleittext wird u.a. von der „Vielfalt der Geometrie“ gesprochen (Vertreter Imi Knoebels, Blinky Palermo oder Anselm Reyle). Banal ist die an anderer Stelle des Begleitheftes gemachte Feststellung, es sei verwunderlich, dass nach 100 Jahren abstrakter Kunst Grundelemente wie Kreis, Rechteck und Quadrat immer noch eine solche „Präsenz und Eindrücklichkeit“ besäßen. (Anm.: Wer sich über die Eindrücklichkeit solcher Archetypen wundert, kennt den aus der analytischen Psychologie stammenden Begriff nicht, der  darunter psychische Strukturdominanten, die als unbewusste Wirkfaktoren das Bewusstsein beeinflussen und dieses präfigurieren und strukturieren). Auch andere Formulierungen des Ausstellungstextes sind schwammig oder banal, z.B. dass das Gesamtphänomen Minimalismus in seiner Abgrenzung zwischen Minimal Art und minimalistischer Kunst „unscharf“ ist. Ein weiteres Thema ist die Selbstbezüglichkeit in der Kunst, bei der es nicht möglich ist, ob diese „Freiheit oder Manko“ bedeutet.

 

Gruppierungen der Ausstellung

 

Architektur und Lebenswelt -   hier gefiel mir „Federal Triangle“ (Sarah Morris).

Licht als Material -   ausgesprochen schön ist ein dunkelroter liegender Tropfen „paper drop“ (Wolfgang Tillmans, 2011).

Bedeutungsverschiebungen -   die Werke finde ich ziemlich unbedeutend.

Gesellschaftskritik -   hier sind einige Werke von Ai Weiwei ausgestellt, die nicht überzeugen können. Sieben auf einem Regal aufgestellte „zuckerlbunt“ bemalte Tonvasen (echte oder nachgemachte Tonvasen der Mingzeit) sollen die Zerbrechlichkeit und Gefährdung der menschlichen Existenz oder eines Gesellschaftssystems aufzeigen. Der Autor des Beitrages weiß nicht, inwieweit diese Bemalungen in China bereits als „Gesellschaftkritik“ aufgefasst werden, gesellschaftskritischer (aber vermutlich gefährlicher) wäre die Bemalung von Mao tse-tung Skulpturen, oder die Bemalung der Vasen mit Abbildungen Maos. Ein Würfel aus getrocknetem Pu Erh Tee (ca. 50 cm Kantenlänge) ist nicht wirklich originell. Das Werk CUSeeMe (Peter Halley, 1995) ist schön, thematisiert in seinen geometrischen Werken die modernen Kommunikationsstrukturen und verbindet sie (laut Katalog) mit „Gefängnissen“ und „Zellen“.

 

Ceal Floyer -   Die in Berlin lebende Künstlerin Ceal Floyer mit ihren zumeist poetischen Werken der Konzeptkunst ist in der laufenden Ausstellung im Museion Bozen mehrfach vertreten. Nicht alles ist überzeugend.

 

Die 2007 entstandene Skulptur „SCALE“ besteht aus treppenförmig in die Wand eingelassenen handelsüblich gleichgeformten schwarzen Lautsprechern, aus denen in zeitlichen Abständen ein Trittschall wie beim Hinauf- und Hinabsteigen klingt. Dass die Tritte gleichzeitig auch die Abfolge einer Tonleiter suggerieren sollten ist vielleicht etwas fragwürdig? Interessanter wäre es, wenn die Schritte Herren-, Damen- oder Kinderschritte in verschiedenen Trittfolgen erkennen ließen.

 

Die Installation „Overhead Projektor“, Collection Museion, ist geistreich, das Werk EXIT dagegen eher banal.

 

Insgesamt sind viele der Werke eine Art Neuauflage des Konstruktivismus – nur auf niedrigerem Niveau.

 

Zur zeitgenössischen Kunst im Allgemeinen

 

In diesem Abschnitt möchte der Autor als Hobbykünstler, ohne Studium der Kunsthistorik vorsichtig sein. Daher nur einige eher triviale Fragen und Anmerkungen:

 

1). Wann fängt zeitgenössische Kunst an?

2). Bleibt sie immer zeitgenössisch (dem Wortsinn nach „nein“) – wie werden sich einzelne Richtungen weiterentwickeln und auf welche Fundamente werden sie zurückgreifen?

3). Wird man in 1000 Jahren Werke unserer heutigen zeitgenössischen Kunst genauso schätzen, wie wir Kunstwerke jetzt aus früheren Epochen schätzen und wird man sie mit denen vergleichen können?

4). Es gibt viele erstklassige Kunstwerke der Moderne und zeitgenössischen Kunst – aber wer erfasst den Wert solcher Werke wirklich?

5). Wieweit unterscheidet sich die Qualität von Zeichnungen der Höhlenmalerei oder der Maja- und Indianerkulturen von zeitgenössischen Zeichnungen, die z.B. aus drei Strichen bestehen? Ist es nur die bewusste, intellektuelle Reduktion des Ausdrucks, welche zeitgenössische minimalistische Kunst oft wertvoll macht?

 

Die Fragen mögen naiv erscheinen – sie sind jedenfalls nicht weniger angebracht, als das Hinterfragen vieler verwissenschaftlichter philosophischer Formulierungen des 20. Jahrhunderts, die stilistisch ganz im Gegensatz zu den antiken einfachen und aussagekräftigen Formulierungen der Vorsokratiker stehen.

 

(27.3.2014)


(1) http://www.bolzano.net/deutsch/stadtmuseum.html

 

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