Ernstes über Komik – der Witz als Grenzgang zwischen Logik und Unlogik

 

 

© "Die Gewerbeidee" - ÜBERNEHME JEDE VERANTWORTUNG - © aus "Die Presse" v. 31.10.1997

 

 

Ich weiß nicht warum - nach der Formulierung ernster Texte (Wirtschafts- oder wissenschafte Texte) treibt mich irgendeine unbewusste Kraft dazu, „skurrilere“ Texte zu schreiben. Natürlich sucht man nach Erklärungen – fast alles lässt sich ja tiefenpsychologisch irgendwie erklären. Relativ unbefriedigend war der erste Erklärungsversuch, dass es sich dabei um einen normalen Entspannungsprozess handelte. Einfache Erklärungen haben mich nie überzeugt, daher versuche ich seither eine logische Erklärung für etwas zu finden, das sich scheinbar dem Prinzip der Logik entzieht. Ich merkte sehr bald, dass es gerade die Logik bzw. die punktgenaue Überschreitung der Grenze von Logik zur Unlogik ist, was Komik ausmacht. Wenn man sich von dieser Grenze zu weit entfernt, läuft man schnell Gefahr, in die Weiten der Banalität einzutauchen.

 

Ein typisches Beispiel dafür ist der aus Ungarn stammende Israeli Ephraim Kishon, der mir, obwohl gerade Ungarn eine besondere Heimat des Witzes ist, eigentlich nicht besonders gefällt, weil er die Grenzen dieser Logik gerne verlässt und leicht ins Banale abtrifftet – vermutlich weil sich diese besser verkaufen lässt. Ein Ausspruch von Kishon ist jedoch treffend für das oben gesagte, nämlich seine Frage: „Gibt es einen typisch jüdischen Witz und wenn ja, warum nicht?“ Hier hat Kishon die Grenze zur Logik messerscharf berührt, an welcher Logik und ihr Gegenteil ineinander übergehen. Ähnliches lässt sich auch bei Karl Valentin in einigen seiner Dialoge finden.

 

Natürlich bin ich nicht der erste, der sich mit dem Phänomen „Komik“ wissenschaftlich auseinandersetzt. Schon Aristoteles bezeichnet Komik als eine „unschädliche Ungereimtheit“ und stellt fest, dass das Gelächter nur dem Menschen zukommt und damit ein Alleinstellungsmerkmal ist.

 

Anm.: Ich bin mir nicht sicher, dass wirklich nur der Mensch zur Komik fähig ist, nachdem viele früher nur dem Menschen zugeordnete Fähigkeiten in der modernen Verhaltensforschung auch bei vielen Tieren anzutreffen sind – sicher ist jedenfalls, dass Komik mit dem Denken ursächlich verknüpft ist.

 

Aristoteles beschreibt in seinem Werk “Poetik” das Komische als Nachahmung eines “mit Hässlichkeit verbundenen Fehlers” des Denkens, Handelns oder Sprechens. Er grenzt die Komik damit von der affektiven (also emotionellen) Wirkung der Tragödie ab. Dass sich berühmte Philosophen hinsichtlich der affektiven Abgrenzung nicht einig sind, findet man bei Kant mit einer Definition des Lachens als “Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts”.

 

Kant hatte mit dieser etwas psychologischen Definition wohl eher das Wesen der Komik, ganz besonders aber des Witzes erfasst als Aristoteles. Die von Kant betonte Verwandlung gespannter Erwartung in nichts, wurde mir besonders bewusst, als ein guter Freund, der für seine (manchmal) guten Witze bekannt ist, einen Witz erzählte, bei dem er in routinierter Weise, die nur wenige beherrschen, Schritt für Schritt und ziemlich langsam eine Spannung aufbauend, einem Höhepunkt zusteuerte und dann plötzlich abbrach. Nach verlegenem Schweigen der Zuhörer, fragte einer von uns: und wo ist da die Pointe? Die Antwort war: der Witz hat keine Pointe, das ist ja gerade die Pointe dieses Witzes. Ich erinnere mich, dass wir selten über einen seiner Witze so gelacht hatten. Mein Freund hatte unbewusst jenen Punkt der Kant’schen Definition erreicht, wo es nicht die Pointe war, bei der sich die Erwartung „in nichts“ auflöste, sondern dass die Auflösung in nichts auf andere, unerwartete Weise zustande kam.

 

Generell ist es wohl falsch, anzunehmen, dass Emotion mit Komik nichts zu tun hätte (wie dies manchmal von der Musik behauptet wird). So etwas kann nur jemand behaupten, der von Musik wenig versteht.

 

Besondere Beispiele für emotionell ausgelöste Komik sind Charlie Chaplin oder der wohl berühmteste Clown Charlie Rivel („Akrobat schön“) die wider Erwarten ebenfalls mit der Logik operierten. Beide waren Clowns des „Scheiterns“. Scheitern ist aber mit Logik insofern verwandt, als gerade durch Logik aufgezeigt wird, wo das Scheitern beginnt”. Gerade von Chaplin ist es bekannt, dass das, was im Endprodukt so einfach aussieht, in Wirklichkeit immer ein anstrengendes Ergebnis des Nachdenkens und Analysierens war.

 

Komik und Witz sind unterschiedliche Kategorien, ebenso die französische Variante des Esprit, bei welchem die geistreiche Komik im Vordergrund steht, für alle diese Formen gilt aber ein Zitat aus Wikipedia, obwohl es sich eigentlich nur auf den Witz bezieht.

 

Zitat: „Als Witz bezeichnet man einen kurzen Text (Erzählung, Wortwechsel, Frage mit Antwort oder Ähnliches), der einen Sachverhalt so mitteilt, dass nach der ersten Darstellung unerwartet eine ganz andere Auffassung zutage tritt. Der plötzliche Positionswechsel (die Pointe) vermittelt die Einsicht, dass das Urteil über den Sachverhalt nicht zwingend einer einzigen Auffassung unterworfen ist. Die Öffnung zu anderen Auffassungen wird als befreiend empfunden, die zunächst aufgebaute Beklemmung wegen eines vermeintlichen Problems löst sich auf in befreiendes Lachen. Das Gelächter der Zuhörer zeigt an, dass sie den Positionswechsel erkannt haben und mitvollziehen“. (Ende des Zitates)

 

Das in diesem Zitat angesprochene “Mitvollziehen” ist eine mentalitätsabhängige und daher fast nationale Komponente, die man unbedingt berücksichtigen muss, wenn man in fremden Gefilden Witze erzählen will. Ich hatte mir das in meiner Berufsstadt Mannheim, sowie im gesamten Bereich Baden-Wüttemberg und Schwaben sehr schnell abgewöhnt, weil österreichischer Witz dort nur verstanden wird, wenn der Witz anschließend erklärt wird – der Tod jeden Witzes. Zusätzlich hat sich bei mir auch eine Abstinenz gegen rheinischen Humor aufgebaut, der sicher auch lustig ist – wenn man Rheinländer ist.

 

Jedem ist englischer Humor bekannt, oder zumindest die Tatsache, dass es diesen gibt und dass dieser sich vom kontinentalen Witz grundlegend unterscheidet. Heute verschwinden solche feinen Unterschiede durch Fernsehen und andere Medien im Bereich der Comics und der Comedy weitgehend. Vermutlich ist Comedy auch gar nicht wirklich witzig, was ich nicht daraus schließe, dass mir diese Art von Humor nicht gefällt, sondern weil es aus Schwäche dieser Gattung von Komik, schon fast üblich ist, an bestimmten Stellen Lachsalven einzumischen, mit der verpflichtenden Aufforderung, an eben diesen Stellen zu lachen – was genauso tödlich ist, wie ein Witz, dessen Pointe man nachträglich „erklären“ muss.

Trotz der Mentalitätsabhängigkeit von Komik bzw. Witzen, scheint der logische Ablauf in einem Witz doch recht dominierend zu sein, wie durch eine von einem Sprachlabor initiierte Wahl des besten Witzes der Welt gezeigt wurde (Beteiligung von 500000 Menschen aus 70 verschiedenen Ländern bei einer Auswahl aus 40000 Witzen), bei der folgender Witz als „bester Witz der Welt“ ausgewählt wurde:

 

Zwei Jäger gehen auf die Jagd und wandern durch den Wald. Plötzlich greift sich der eine an die Kehle und stürzt zu Boden. Der andere Jäger gerät in Panik und ruft den Notarzt an: „Ich glaube mein Freund ist tot, was soll ich tun?“ Der Arzt sagt: „Beruhigen Sie sich! Ich kann Ihnen helfen! Erst einmal sollten wir sicher feststellen, dass Ihr Freund tot ist.“ Man hört einen Schuss, dann sagt der Freund zum Notarzt: "Ja- jetzt ist mein Freund tot".

 

Selbst wenn die Grenze logischer Kausalität nicht immer punktgenau angesteuert wird, spielt Logik eine wesentliche Rolle für Komik, wenn zum Beispiel Sachverhalte, die in normalerweise in verschiedenen Ebenen angesiedelt sind, miteinander verknüpft werden. Diese Komik ist dann besonders wirkungsvoll, wenn man sich der unterschiedlichen Ebenen genau bewusst ist, was selbstverständlich wieder etwas mit logischer Analyse zu tun hat (auch dieses Muster hat Karl Valentin oft sehr erfolgreich benutzt).

 

Sogar der Altmeister der Psychoanalyse, Sigmund Freud, beschäftigte sich wissenschaftlich mit dem Witz. Freud sah im Witz eine Technik des Unbewussten (wie könnte es anders sein?) zur Einsparung von Konflikten und zum Lustgewinn. Freud erkannte dabei auch die unschöne Seite mancher Formen des Witzes, nämlich die emotionale Solidarisierung mit Gleichgesinnten gegen Andersdenkende – er dachte dabei vermutlich nicht an den „jüdischen Witz“, der ein Kapitel für sich ist, sondern eher an gegen Juden gewandte Witze, in welchen besondere, den Juden zugeschriebene Eigenschaften überhöht dargestellt werden. (Überhöhung ist ebenfalls eine Form der Komik, die jedoch sehr bösartig angewendet werden kann und bei der man sich wieder durch Einschaltung der Logik bewusst sein muss, dass es sich überhaupt um eine Überhöhung handelt).

 

Es gäbe viele psychologisch und philosophisch interessante Ansätze für eine umfassendere Theorie der Komik, sodass an einem gewissen Punkt mit Nachforschungen Schluss gemacht werden sollte, damit Witz und Komik nicht zu „tierischem“ Ernst werden. Fast immer ist guter Witz bzw. Komik die Gratwanderung (Grenze) zwischen Logik und Unlogik, zumindest zwischen „Fastlogik“ und Fastunlogik“, sofern es die letzteren Begriffe strenggenommen gibt – in der Fuzzy-Logik gibt es sie.

 

Dieser Beitrag soll jedoch nicht geschlossen werden, ohne einen Witz zu erzählen, den ich letzthin hörte und auch heute noch recht lustig finde (viele Witze sind ja nur bei einem ganz bestimmten Anlass oder in einer bestimmten Situation lustig):

 

An einer Bartheke saßen mehrere Herren im Gespräch, auf der Bartheke lag vor einem der Herren ein Handy, das plötzlich klingelte. Der Herr vor dem Handy, ergriff dieses und alle konnten eine recht laute, aber zärtliche Frauenstimme mitverfolgen, die zu dem Herren sagte: Du Schatzi, ich bin hier gerade in einem Modegeschäft und habe da so einen schönen Schal gefunden, den ich mir gerne kaufen würde – er ist aber ziemlich teuer, 250 Euro. Der Herr am Telefon sagte gutmütig: Kauf ihn dir halt, wenn er dir so gut gefällt und legte das Handy auf seinen Platz zurück. Kurze Zeit darauf erneutes Klingeln: Du Schatzi – jetzt bin ich gerade in einem Pelzgeschäft und habe da einen süßen kleinen Pelz gefunden, der mir so gut steht – er kostet aber 3500 Euro. Antwort des Herrn: Na ja – ich habe dir ja schon längere Zeit nichts mehr geschenkt – kauf ihn dir halt. Nach wenigen Minuten klingelte das Handy abermals: Schatzi – es ist mir schon fast peinlich, aber jetzt bin ich hier bei einem Autohändler und da gibt es einen so schönen kleinen roten Flitzer, den ich mir schon immer gewünscht habe, er kostet aber 30000 Euro – was sagst du dazu? „Na etwas teuer ist er ja schon, aber wenn du ihn auf 28000 Euro herunterhandeln kannst, darfst du ihn dir kaufen.“ Die Stimme am Telefon: danke Schatzi, der Verkäufer ist einverstanden, ich werde ihn also kaufen. Nachdem der Herr das Handy wieder auf seinen Platz zurückgelegt hatte, sagte er zu seinen Freunden: Jetzt würde mich nur interessieren, wem das Handy gehört, mir gehört es nämlich nicht!

 

Diesen Witz in das vorangegangene „wissenschaftliche“ Konzept einzufügen, könnte allzu tief in noch nicht bekannte Gefilde eintauchen, über die ich etwas nachdenken müsste – aber das könnte möglicherweise wieder zu einem „sehr ernsten Beitrag“ führen, bei welchem mich der Computer anschließend unweigerlich aufforderte, wieder etwas Unsinniges zu schreiben. Damit wäre allerdings auch bereits wieder ein Stichwort gefallen - nämlich, dass nonsense als Gegenteil von sense die Grundidee dieses Beitrags rechtfertigt.

 

(12.08.2010)

 

 

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