Goldenes Doktorjubiläum – Gedanken über den Sinn akademischer Feiern

 

© Firma Interfoto - Anlass: Goldenes Dokorjubiläum 3.5.2013 (Rektoren der beiden Universitäten, Vizerektorin, Promotor, Laudator). Das Foto der abgebildeten Honoratioren stammt aus einer im Internet öffentlich verfügbaren Serie von Interfoto

 

Der Autor der „Igler Reflexe“ feierte im Mai 2013 sein Goldenes Doktorjubiläum, bei dem das ehemalige Doktoratsdiplom der Universität Innsbruck in einer würdigen akademischen Feier im Congress Innsbruck „erneuert“ wurde. Eigentlich brauchte man zu dieser von der Universität ins Internet gestellten Veranstaltung keine weiteren Worte hinzuzufügen – nur: wer, wie der Herausgeber der "Igler Reflexe" und anderer Internetmagazine, zu „schreiben“ gewohnt ist, darf auch seine eigenen Gedanken zu einer solchen Ehrung publizieren und vor allem die Frage stellen, was solche akademische Feiern in einer Zeit bedeuten, in der Ehrungen sonst eher für Sportler üblich sind.

 

Gleich zu Beginn bedarf es der Feststellung, dass in Österreich nur die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck Goldene Doktorjubiläen in dieser Form zelebriert (siehe Fußnote 1).

 

Als die Einladung zur Jubilarsfeier Anfang Februar ins Haus flatterte, wurde als erstes der erschreckende Gedanke präsent, dass seit meiner Promotion 1963 inzwischen 50 Jahre (fünfzig!) vergangen waren – kein besonders angenehmer Gedanke! In der zuerst noch vorläufigen Liste waren alle PromoventInnen der philosophischen Fakultät des Jahres 1963 aufgelistet und ich stellte bei der Durchsicht fest, dass ich zumindest Grund zur Dankbarkeit hatte – von vielen wusste ich, dass sie leider nicht mehr lebten. Bei der Feier im Mai wurden die PromoventInnen aller vier damaligen Fakultäten(2) des Jahrgangs 1963 geehrt - es war überraschend, wie viele Jubilare es in den Wissenschaften, der Wirtschaft und in der Politik zu beachtlichen Erfolgen gebracht hatten und einige auch heute noch in hohen Positionen tätig sind.

 

Wenn ich auf meinen eigenen Weg als Chemiker in der deutschen Pharmaindustrie zurückblicke, so war der Beginn zunächst dadurch gekennzeichnet, dass man sich als Österreicher 1965 mit einem latenten „Minderwertigkeitsgefühl“ in der deutschen Großindustrie bewarb, um sehr bald festzustellen, dass dieses Gefühl aufgrund der außerordentlich guten Ausbildung an der Universität Innsbruck in keiner Weise gerechtfertigt war. Zudem hatten AbsolventInnen der philosophischen Fakultät wegen ihres damaligen Pflichtrigorosums in Philosophie und Psychologie gegenüber ihren deutschen KollegInnen den Vorteil, „über den Tellerrand“ ihrer Wissenschaft blicken zu können, was der Karriere oft durchaus förderlich war. Auch hinsichtlich des Fachwissens brauchten sich Österreicher nicht zu verstecken – im Gegenteil – es war überraschend, dass wir uns sogar vor den AbsolventInnen bekannter ehrwürdiger deutscher Universitäten nicht zu schämen brauchten.

 

Inzwischen haben sich wegen des Massenandrangs an allen Universitäten die Unterschiede einzelner Universitäten im deutschen Sprachraum weitgehend eingeebnet. Der Erfolg einer Universität hängt weniger von der „Berühmtheit“ einzelner Universitäten und Hochschulen, als vom Fleiß der StudentInnen und den Fähigkeiten der DozentInnen ab  - in diesem Punkt könnte Deutschland und Österreich von US-Spitzenuniversitäten einiges lernen. Zur Zeit meines Studiums war der „Erziehungsfaktor“ durch einzelne Ordinarien erheblich größer als heute, da zumindest im Fach "Organische Chemie" jährlich maximal 5 Doktoranden durch tägliche Diskussionen mit ihrem „Doktorvater“ während der ca. dreijährigen Dissertationszeit optimal betreut wurden. Auch in anderen Studienrichtungen war die wissenschaftliche Betreuung wegen der niedrigen Studentezahlen naturgemäß gut. Heute sind Vergleiche fast unmöglich, weil die Anzahl naturwissenschaftlicher und medizinischer Publikationen an allen Universitäten enorm zugenommen hat, wobei die Arbeiten auf Grund der Publikationsflut(3) gelegentlich auch an Qualität verlieren (das gilt für alle Universitäten - sogenannte „Exzellenzuniversitäten“ machen da keine Ausnahme). 

 

Sind Promotionen und Sponsionen in der klassischen Form nicht antiquiert?

 

Diese Frage soll gleich zu Beginn dieses Abschnittes mit „nein“ beantwortet werden – dazu vier eigene Erfahrungen:

 

  1. Meine Promotion 1963 in der Aula der Universität empfand ich damals als gerechte, verdiente Auszeichnung nach dem langen Chemiestudium.
  1. Zwei Jahre nach meiner Promotion war ich als promovierter Assistent für die samstäglichen Prüfungen über organische Chemie der PharmazeutInnen zuständig, die ChemikerInnen wurden von Herrn Prof. Dr. W. Klötzer geprüft. An einem dieser Samstage bat mich der von mir hochverehrte Prof. Klötzer auch die Prüfungen der ChemikerInnen zu übernehmen, er wolle wieder einmal eine Promotion besuchen um das Gefühl zu haben, noch „Akademiker“ zu sein. Ich verstand diese Bemerkung damals nicht wirklich – meine eigene Promotionsfeier war ja noch nicht solange her und ich fühlte mich daher durchaus noch als Akademiker.
  1. Während der Folgejahre in der deutschen Industrie verstand ich später sehr genau, was Prof. Dr. Klötzer damals meinte. Relativ früh wurde die feierliche Gestaltung von Promotionsfeiern in Deutschland mehr oder weniger abgeschafft. Die Doktorurkunden wurden den PromoventInnen als Computerausdruck ins Haus geschickt – 20 Semester Chemiestudium - das war’s. Akademische Feiern waren für die heranwachsende Jugend viele Jahrzehnte nicht „in“. Heute sind akademische Abschlussfeiern auch in Deutschland  zunehmend wieder gefragt.
  1. Gegen Ende meiner Berufsjahre besuchte ich einen Kongress in Amsterdam und anschließend privat die berühmte Universitätsstadt Leyden. Beim Durchstreifen der gediegenen holländischen Stadt landeten meine Frau und ich zufällig in einem großen parkähnlichen herrlichen Garten. Wir sahen, dass sich eine Gruppe von Studenten und Professoren in Talaren einem Gebäude näherten, das sich als Botanisches Institut erwies und in welchem offenbar eine Promotion stattfinden sollte. Wir schlossen uns der Gruppe an und erlebten nach vielen Jahren wieder eine akademische Feier, die mich an meine Jahrzehnte zurückliegende eigene Promotion in Innsbruck erinnerte. Ich erinnerte mich dabei deutlich wieder an die Worte von Professor Klötzer und empfand nach langer Zeit wieder das Gefühl „Akademiker“ anstatt nur „funktionierender“ Industriemanager zu sein. 

 

Bleibt noch die jährlich in der Professorenschaft diskutierte Frage zu beantworten, ob die wenigen rituellen "Floskeln" in lateinischer Sprache bei derartigen Feiern noch zeitgemäß sind (die wesentlich längeren und inhaltvollen Reden werden ohnehin auf Deutsch gehalten).

 

Diese Frage möchte ich dahingehend beantworten, dass Latein uns an die Wurzeln einer langen Wissenschaftstradition, die bis zur Gründung der ersten Universitäten im Mittelalter reicht, erinnern sollte. Wenn wir alles aufgeben, was in unseren Jahrzehnten als nicht mehr zeitgemäß gilt, wäre das eine weitere Verarmung, die uns durch die modernen Schulsysteme leider zunehmend bedroht. Bleiben wir doch bitte bei den wenigen lateinischen Sätzen - umsomehr, als selbst das abschließende "Gaudeamus igitur..." nicht nur von den Promoventen, sondern auch von den oft wesentlich jüngeren Begleitpersonen im Saal stets mit großer Empathie angestimmt wird.

 

Was bedeutet der Begriff „Akademiker“ in unserer Zeit?

 

Wer den Begriff „Akademiker“ und Promotionsfeiern der beschriebenen Art als antiquiert betrachtet, hat sich bereits weit vom eigentlichen Sinn jener universitären Ausbildung entfernt, die viele Jahrhunderte die Wissenschaften beflügelte. Heute werden Gymnasien und Universitäten durch die Politik zunehmend zu Ausbildungsstätten degradiert, anstatt Bildungsstätten zu bleiben. Das Resultat dieser Entwicklung zeichnet sich inzwischen bereits deutlich ab. In der Industrie werden Akademiker häufig von ranghöheren „Akademikern“ in unwürdiger Weise abgekanzelt und einige angehende AkademikerInnen versuchen ihren Doktorgrad durch Plagiate in ihren Dissertationen schneller zu erreichen. Man braucht keiner Studentenverbindung anzugehören, um wissenschaftliche Ziele, Freiheit im Denken, sowie Toleranz im Berufs- und Privatleben auch in unserer Zeit als akademische Tugenden wieder mehr anzustreben.

 

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(1) Im Gegensatz zu den Universitäten Wien oder Graz, werden in Innsbruck alle promovierten Absolventen der inzwischen zwei Universitäten zu dieser Feier eingeladen. In Graz werden nur einzelne Teilnehmer von den Fakultäten ausgesucht, wobei wissenschaftlicher Erfolg und eine ständige Verbundenheit mit der Universität Graz ausschlaggebend ist. Der Autor hält diese Vorgangsweise für ungerecht, weil wissenschaftliche Erfolge in der Industrie bzw. der freien Wirtschaft nicht einfach beurteilbar sind und daher zu wenig gewürdigt werden.

 

(2) Leider gibt es die Vierfakultäten-Universität seit 1972 nicht mehr, die Aufsplitterung in viele Einzelfakultäten mag den Ansprüchen unserer zur Spezialisierung neigenden Zeit genügen, hat jedoch auch gravierende Nachteile - es fehlt das "Dach" der Philosophie unter dem zumindest alle Geistes- und NaturwissenschaftlerInnen mit den Geheimnissen der Logik und Wissenschaftlehre vertraut gemacht wurden. Auch die Loslösung der medizinischen Fakultät unter Bildung einer eigenen "Med-Uni" halte ich als Pharmaforscher für einen verhängnisvollen Fehler. In der industriellen Pharmaforschung ist die interdisplinäre, enge Zusammenarbeit von Chemie/ Biochemie, Mikrobiologie und Humangenetik eine notwendige Voraussetzung zur Findung neuer Therapeutika. Auch der enorm teure Maschinenpark (Massenspektrometer, NMR-Geräte, Neutronenaktivierungsanalyse etc.) wird infolge der zusätzlichen Kosten für hochqualifizierte Mitarbeiter durch eine solche Universitäten-Trennung nicht optimal ausgenützt.

 

(3) Die Publikationsflut, die von manchen als Vorteil gesehen wird, ist im Gegensatz zum Willen der Politik, ein zweischneidiges Schwert: wer wie der Autor u.a. ein Internet-Pharmamagazin betreibt, ist über die mangelnde Qualität vieler Publikationen oft enttäuscht. Wurde früher meist nur über wissenschaftlich abgeschlossene Ergebnisse berichtet, so findet man heute zunehmend Absichtserklärungen (besonders im medizinischen Bereich) etwa nach dem Muster: „Sollten sich unsere Experimente durch weitere beabsichtigte Versuche bestätigen, so könnten unsere Arbeiten möglicherweise Ansätze für die Entwicklung neuer Therapieschemata sein…“. Diese, meine persönliche Feststellung, wäre jedoch Thema eines längeren Aufsatzes. Die Flut der Arbeiten wird selbst von renommierten Fachjournalen immer weniger kontrolliert. Dass es überhaupt zu dieser Flut an „papers“ kommt, liegt leider an der Notwendigkeit, möglichst viel zu publizieren, um die Finanzierung von Forschungsarbeiten für ein bestimmtes Thema zu garantieren. 

 

 

(29.5.2013)

 

 

 

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