Erinnerungen an den „schönsten“ 1. Mai (1946) in der deutschen russischen Zone

 


Rote Nelke - © Alfred Rhomberg

 

 

Der erste Mai ist der Tag der Arbeit – folgerichtig wird in vielen Ländern an diesem Tag nicht gearbeitet(1).

 

„Der Tag der nationalen Arbeit“ des Hitlerregimes hatte bei mir als Volksschulkind in einer sächsischen Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, in die mich die Bombenangriffe auf Großstädte verweht hatten, keine bleibenden Erinnerungen hinterlassen. Bewusst feierte ich den ersten Mai daher zum ersten Mal 1946 in der russischen Zone Deutschlands. Es ist erstaunlich, in welch kurzer Zeit Kindern die „Internationale“ oder „Brüder zur Einheit und Freiheit“ beigebracht werden kann, besonders wenn frau/man bedenkt, dass heutzutage 8 – 9 Jahre Gymnasium oft nicht ausreichen, um den Text der deutschen oder österreichischen Bundeshymne zu erlernen. Erstaunlich war auch, woher 3 Monate nach dem Zusammenbruch 1945 deutsche Lehrerinnen und eine 19-jährige Direktorin hergezaubert wurden, die zwar kaum rechnen und orthographisch richtig schreiben konnten, jedoch im Marxismus sattelfest waren – also wurde in fast allen Stunden nur gemalt oder gesungen(2).

 

Jener erste Mai 1946 war ein sehr warmer Tag und die roten Wachsnelken, die alle Schüler auf ihren neuen blauen Hemden tragen mussten, schmolzen in der Sonne und hinterließen hässliche rote Wachsflecken. Die Flecken waren uns Schülern egal, nicht jedoch eine Art Frankfurter Würstchen mit Senf, die nach der absolvierten „Internationale“ verteilt wurden – Delikatessen, die wir vorher nicht gekannt hatten und erst viele Jahre später wieder kennen lernen durften, denn schon am 2. Mai begannen wieder die gewohnten Hungerrationen mit täglich einer Scheibe Brot und etwas Zucker. In der Schule wurde das marxistische Liedgut erweitert, was aber nicht satt machte – allerdings hatte in den letzten zwei Jahren vor dem Zusammenbruch auch das Lied „Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt…“ nicht satt gemacht. Trotz der Frankfurter Würstchen sind Maikundgebungen für mich seit 1946 ein Gräuel, selbst wenn – der heutigen Zeit angemessen – nach der Internationale vielleicht Gänseleberpasteten angeboten würden. Das ursprünglich von dem Belgier Pierre Degeyter komponierte Lied verliert in der deutschen Fassung (Emil Luckhardt, 1910) beim Anblick vieler wohlbeleibter Gewerkschaftsführer – zumindest in unseren Industrienationen – den Sinn seiner Anfangszeilen:

 

„Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stets man noch zum Hunger zwingt…“

 

Dass der Hunger in manchen Regionen unserer Erde heute neue Dimensionen angenommen hat, darüber wird bei modernen Maidemonstrationen in Europa kaum gesprochen – wichtiger ist die Bestanderhaltung sozialer Überversorgung, die wir uns zum Teil nicht mehr leisten können.

 

Ich kann seit meinem "schönsten" 1. Mai in der russischen Besatzungszone Deutschlands jedenfalls keine roten Nelken mehr sehen!

 

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(1) In der Weimarer Verfassung wurde der erste Mai gesetzlich als Tag der Arbeit verankert, gegeben hat es ihn in anderen Ländern schon früher, z.B. seit 1856 in Australien und 1886 in Nordamerika, wo der 1. Mai unter keinem guten Stern stand, weil wegen Massendemonstrationen der Gewerkschaften zur Einführung des 8 Stundentags tödliche Schüsse fielen. Als „Moving Day“, an dem alle Arten geschäftlicher Verträge auslaufen, war der erste Mai offenbar nicht für Maidemonstrationen geeignet und wurde wegen der schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei am 4. Mai als „Haymarket Riot“ in die US-Geschichte eingetragen. Der Labor Day wurde daher seither in den USA und in Kanada auf den ersten Montag im September verlegt und zum Nationalfeiertag erklärt, weil in diesem Monat (however) weniger Krawalle zu befürchten sind.


(2) Es gehört zu meinen größten Lebensleistungen, nach der Volksschulmisere in Deutschland (1945 und 1946), in Innsbruck die ersten zwei Jahre in einer österreichischen gymnasialen Schule überstanden zu haben und dies auch nur, weil mir die seinerzeit erforderliche Aufnahmeprüfung durch einen Glücksfall erspart geblieben war – ich hätte die Prüfung nie bestanden. Die folgenden Jahre würden heute als „burnout“-Phase bezeichnet – glücklicherweise wurde das Wort erst später erfunden.

 

(1.5.2014)

 

 


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